Lenz Koppelstätter – Aylas Lachen -Review
Mit „Aylas Lachen“ beweist der Autor Lenz Koppelstätter, dass er, ähnlich wie David Safier, vielseitig ist, aber auch, dass man am besten über Dinge schreiben kann, die einem wirklich nah sind. Die über Jahrzehnte erzählte Familiengeschichte geht ans Herz, ist lebendig und eindrücklich geschrieben. Es gelingt dem Autor, die Umgebung, die Menschen und die Besonderheiten unterschiedlicher Kulturen eindrucksvoll und nachvollziehbar darzustellen. Vor allem überzeugt „Aylas Lachen“ aber mit Herz. Die Ehefrau von Lenz Koppelstätter stammt aus Anatolien und der Autor hielt sich während des Schreibens des Buches in der Türkei auf, bereiste das Land. Deshalb wirken die Eindrücke so unverfälscht und wirklich authentisch weitergegeben.
Über Leben, die sich kreuzen
„Aylas Lachen“ von Lenz Koppelstätter erzählt uns die Geschichte von Aylas Familie, beginnend mit dem Leben ihres Großvaters Mesut in einem abgelegenen Bergdorf in der Türkei. Der ist ein großer Geschichtenerzähler, schmückt vermeintliche Heldentaten farbenfroh und fantasievoll aus, hat aber auch eine traurige und melancholische Seite. Nur wenn niemand hinschaut, lässt er seiner Verzweiflung freien Lauf. Ayla ist die Tochter seiner Tochter Hava, die es mit der Familie nach Deutschland an den Bodensee verschlagen hat. Anfangs erfahren wir von den regelmäßigen Sommern, die die Familie beim Großvater in der Heimat verbringt. Koppelstätter beschreibt das abgelegene Leben dort so eindrucksvoll, dass man sich das Licht, die Hitze und den simplen, aber herzlichen Alltag sofort vorstellen kann.
Popkultur und Integrationsfragen der Neunziger
Doch wie bei fast jeder Familie gibt es auch in „Aylas Lachen“ einige Geheimnisse und Wirrungen, die schmerzhafte Spuren und viel Schweigen hinterlassen haben. Hava verließ das Dorf einst aus Frust, da der Mann, den sie lieben wollte, für ihren Vater Mesut nicht gut genug war. Ein Konflikt, der über Jahre hinweg Spannungen und Missverständnisse schuf, doch immer wieder fanden sie auf ihre eigene Weise zueinander. Abgesehen von der ursprünglichen Geschichte der Familie erfahren wir über Ayla und ihren Bruder Yasin auch vieles über die frühen Neunzigerjahre: harmlose und charmante popkulturelle Details, wie die Kelly Family, die von den Backstreet Boys abgelöst wurde, limitierte Computerzeiten und den Hype um den Gameboy und die Loveparade. Aber eben auch von Ausländerhass als Jugendkultur und erschwerten Integrationsbedingungen.
Was an „Aylas Lachen“ von Lenz Koppelstätter besonders gut gelungen ist, ist, dass man unmittelbar nah an den unterschiedlichen Personen ist. Jeder Charakter hat seine eigene Perspektive, und es fällt einem leicht, für jede Sichtweise Verständnis aufzubringen. Man ist nie dazu verleitet, jemanden zu verurteilen, sondern kann aus jeder Erfahrung etwas Positives, ja fast Versöhnliches, gewinnen. Das macht das Buch beim Lesen besonders angenehm und hinterlässt einen bleibenden Eindruck der Akzeptanz und des Verständnisses – sowohl für die Figuren als auch für ihre Konflikte.
Aylas Rolle als Vermittlerin und Hoffnungsträgerin
Ayla eröffnet uns einen schlauen und weichen Blick auf die Dinge, weshalb „Aylas Lachen“ von Lenz Koppelstätter sich trotz der zwischen den Zeilen gepackten Schwere und den verpassten Chancen immer leicht anfühlt. Ayla scheint die Zustände zu akzeptieren, ist die Vermittlerin auf allen Ebenen und verzweifelt nicht an Streits zwischen den Eltern oder den Trends in ihrem Freundeskreis, die sie des Öfteren aufgrund ihrer Nationalität ausschließen.
Am schönsten sind wohl auch für die Leserinnen und Leser die Beschreibungen der Sommer beim Großvater. Doch nach und nach bröckelt auch in diesem Refugium die Fassade, und letztendlich findet Hava im letzten Drittel des Buches den Mut, sich auf den Weg zu machen, um Dinge zu klären, die schon viel zu lange ungeklärt waren. „Aylas Lachen“ von Lenz Koppelstätter ist eine berührende Erzählung über verschiedene Leben, die sich über Generationen und Kulturen hinweg entfalten, sich immer wieder kreuzen und in ihren einzigartigen Perspektiven miteinander verflochten sind, ohne je ganz zu verschmelzen.
Seiten: 368
Verlag: Kindler Verlag
ISBN-10: 3463000660
ISBN-13: 978-3463000664
VÖ: 12.08.2025
Bücher, die Dich interessieren könnten:
Héléne Gestern – Rückkehr nach St. Malo
Lenz Koppelstätter – Das dunkle Dorf
Susanne Fröhlich – Ungezügelt
Kelly Mullen – Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
Stefan Kuhlmann – Umweg zum Sommer
Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Isabel Bogdan – Wohnverwandtschaften
Valerie Jakob – Frag nicht nach Agnes
Petra Pellini – Der Bademeister ohne Himmel
Thomas Montasser – Freitags um fünf
Barbara Handke – Bernadette ändert ihr Leben
David Safier – Die Liebe sucht ein Zimmer
Marie Benedict – Frau Einstein
Julie von Kessel – Als der Himmel fiel
Linda Zervakis – Etsikietsi: Auf der Suche nach meinen Wurzeln
Thomas Hettche – Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste
