Leprous Pitfall Coverartwork

Leprous – Pitfalls – Review

Die norwegischen Progger von LEPROUS spielten von Anfang an mit offenen Karten und teilten den Fans mit, dass sie mit “Pitfalls” einen neuen Pfad einschlagen würden. Wohin genau der führen würde, ließen sie allerdings offen. Spoileralarm – weg vom Metal, hin zu noch mehr Weite und poppigen Elementen. Ob man mit dem sechsten Album also noch glücklich wird, hängt davon ab, was man grundsätzlich an der Band schätzt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, “Pitfalls” ist für mich das beste Popalbum seit Langem.

Poppige Prog-Oper

Es wird persönlicher bei LEPROUS, die erste Single “Below” verdeutlichte dies und darf auch das Album eröffnen. Durch den streckenweise drastischen Entzug von harten Riffs, werden LEPROUS in keinster Weise in ihrer Kreativität beschnitten. Für Sänger Einar Solberg bietet sich dadurch die Möglichkeit dazu, noch mehr Raum einzunehmen und seine sowieso schon beeindruckende stimmliche Bandbreite, um eine weitere Nuance zu erweitern. Wie heilender Balsam legt sich seine Stimme in “At The Bottom” über den kühlen Takt. Wenn sein operettenhafter Gesang und die instrumentale Leistung im Refrain von “By My Throne” zusammenlaufen, entsteht ein alles einnehmender und erhellender Sound, der schlichtweg einzigartig ist. Er steht ganz klar im Zentrum von “Pitfalls”, stellt seine Kollegen mehrfach in den Schatten. Unterm Strich scheint “Pitfalls” in erster Linie der Katharsis von Solberg zu dienen.

Leprous, 2019

LEPROUS arbeiten sich von unten nach oben

Was natürlich nicht bedeutet, dass die sich seine Bandkollegen zurücklehnen würden. Die Kompositionen sind schlicht sehr zurückgenommen, auf Details fixiert und vom Gesang dominiert, meist zum Ende hin stark gemeinschaftlich eskalierend. Man darf nicht vergessen, dass LEPROUS Baard Kolstad (u.a. Ex-BORKNAGAR) hinterm Schlagzeug haben. Also zweifelsohne einen der besten und vielversprechendsten Drummer aktuell, der selbstverständlich mit seinem Talent nicht hinterm Berg hält. In Songs wie “Foreigner” und “The Sky Is Red” hört man das offensichtlich und im dunklen, leicht verstörenden “Distant Bells” muss man auf seine Percussion-Feinheiten achten. Cellist Raphael Weinroth-Browne trägt wesentlichen Anteil an der einnehmen Tristesse des auf sieben Minuten anschwellenden Epos (“Distant Bells”).

Mit “Foreigner” ziehen LEPROUS kurz vor Ende von “Pitfalls” das Tempo etwas an. Es gibt “endlich” einen harten Song mit vibrierendem Rhythmus, wenn auch flankiert von Synthies. Im Kontext des Albums betrachtet, wirkt das schon fast zu gewöhnlich. Das abschließende “The Sky Is Red” zieht mit elf Minuten Spielzeit alle Register. LEPROUS hakeln und lassen die Rhythmen mit aller Wucht aufeinanderprallen. Eingebettet in engelsgleichen Gesang, der eher wie weißes Licht klingt, schneiden LEPROUS alle logischen Strippen ab und bauen nach ihrem ganz (band)eigenen Plan eine komplizierte Konstruktion. Würdiges Finale.

Erneute Weiterentwicklung im Kampf mit sich selbst

Von einer Band wie LEPROUS erwarte ich eben alles, nur keinen Stillstand. Der Anspruch nach Weiterentwicklung ist ein Grund, warum mich diese Band fasziniert. Die Tatsache, dass es ihnen auch immer wieder gelingt, macht sie zu etwas Besonderem. “My congregation is in fire” singt Solberg in “Foreigner”, als kleine Anspielung auf das entsprechende Album der Band. Wer die Diskografie bisher aufmerksam verfolgt hat, wird auch keinen so großen, wirklich irritierenden Stilbruch erkennen und lediglich eine massive Weiterentwicklung feststellen. Für alle, die den harten Polyrhythmen nachtrauern, gibt es drölftausend andere Bands.

Dauer: 55:09
Label: InsideOut Music
VÖ: 25.10.2019

Tracklist “Pitfall” von LEPROUS
Below
I Lose Hope
Observe The Train
By My Throne
Alleviate
At The Bottom
Distant Bells
Foreigner
The Sky Is Red

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