Madeline Cash – Verlorene Schäfchen – Review
Madeline Cash wird für ihren Debütroman „Verlorene Schäfchen“ vollkommen zu Recht gelobt und empfohlen. Die traurig-komische Schilderung über die wirren Lebenswege der Familie Flynn fesselt sofort, obwohl – oder gerade weil – sie so enorm von anderen Erzählungen abweicht. Die Flynns wohnen in einer von der Kirche geprägten und tristen Kleinstadt, sind aber alles andere als eine klassische Familie. In alle Himmelsrichtungen versprengt verfolgen Vater Bud, Mutter Catherine und die Töchter Harper, Abigail und Louise ihre ganz eigenen Ziele und handeln nach unterschiedlichen Prinzipien. Auf Umwegen mündet alles bei einem Tech-Milliardär, der sich nach Unsterblichkeit sehnt und bereit ist, sich diese auf seine eigene Art zu beschaffen.
Bündige und trotzdem außergewöhnliche Sprachkraft
„Verlorene Schäfchen“ lebt sehr von Madeline Cashs bündiger und trotzdem außergewöhnlicher Sprachkraft. Ihr Metaphernreichtum und ihr staubtrockener Humor, der der Realität natürlich bitter nahekommt, sorgen dafür, dass man durch das Buch hastet. Nachdem Catherine und Bud mehr oder weniger einstimmig beschlossen haben, dass sie sich und ihrer Ehe eine Auszeit geben, verliert sich das Ehepaar vollends. Der Vater zieht in den Van vor dem Haus, er sucht Unterstützung bei der Selbsthilfegruppe namens „Verlorene Schäfchen“ und die Mutter bandelt mit dem Nachbarn an.
Die Töchter sind ohnehin grundverschieden. Abigail datet einen Kerl namens Kriegsverbrecher-Wes, ihre Schwester meint, sie sei auf der Spur eines Verbrechens, und Louise, die dritte im Bunde, datet online jemanden mit einer sehr rigiden Haltung.

Jedes Familienmitglied ist also ausreichend mit sich selbst beschäftigt, wenn sie aufeinandertreffen, kommt es zu Reibungen und hartem Austausch über unterschiedliche Ansichten. Gemeinsame Momente wirken eher inszeniert und holprig. Madeline Cash verzichtet darauf, der Sippe harmonische Szenen anzudichten und die Entfremdung zu vertuschen. Selbst vermeintlich glückliche Momente sind geprägt von Verzweiflung und dem traurigen Wunsch, zu gelten und gesehen zu werden.
Frei von Larmoyanz und mit ganz eigenem Happy End
Trotzdem ist „Verlorene Schäfchen“ von Madeline Cash in keiner Sekunde traurig oder wirklich deprimierend, denn sie erzählt auch vollkommen frei von Larmoyanz. Immer dann, wenn man meint, die Situation überblicken zu können, zündet die Autorin noch eine Eskalationsstufe mehr, verschärft die Tatsachen. Je weiter man in die Welt der Flynns vordringt, umso ausgereifter wird das Verständnis für die Protagonisten und umso offensichtlicher werden ihre liebenswerten Seiten und Talente. Man wird mit ihren Unsicherheiten, Ängsten und ihrer Orientierungslosigkeit und Suche nach echter Liebe konfrontiert. Durch die Komponenten mit dem mysteriösen Tech-Milliardär, zufällig Buds Arbeitgeber, verwebt Madeline Cash in „Verlorene Schäfchen“ noch weitere Komponenten wie Verschwörungstheorien, Religion und Ideologien.
Am Ende raufen sich doch alle irgendwie zusammen, in herkömmliches Wohlgefallen löst sich trotzdem nichts auf. Madeline Cash befriedet also nicht zwanghaft, lässt sich mit „Verlorene Schäfchen“ aber doch eine Hintertür zu ihrem ganz eigenen, ungewöhnlichen Happy End offen.
Seiten: 320
Verlag: Penguin Verlag
ISBN-10: 3328604510
ISBN-13: 978-3328604518
VÖ: 13.05.2026
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