Muff Potter und Drens, live Karlstorbahnhof Heidelberg, 27.04.2023 – Konzertbericht
Muff Potter
Der gebührende Abstand wird vom Publikum auch gewahrt, als MUFF POTTER mit „Killer“ ihr Konzert beginnen. Der Opener der aktuellen Platte „Bei aller Liebe“ ist mit seinem Text natürlich dazu geschaffen, um ein erster Song für ein Konzert zu sein. Der lyrische Perspektivwechsel vom Kleinklein des Einzelnen, hin zu der Möglichkeit Teil einer Gesellschaft und dem Trost nicht alleine zu sein, passt einfach perfekt zur Situation. Außerdem steigert das Anschwellen der Komposition auch sofort die Lust auf ein gutes Konzert, hier und jetzt! Selbst ohne den Abstand zu MUFF POTTER wirklich aufzulösen, geht das Publikum sofort mit und singt auch beim anschließenden „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“ lautstark den Text mit.
Im weiteren Verlauf des Abends fällt auf, dass MUFF POTTER wahrlich keine Nostalgie-Setlist zusammengestellt hat. Der Publikumsaffe kriegt hier heute Abend keinen Zucker und es scheint ihm gut zu gefallen. Es spricht sehr für die Band, dass die neuen Songs mindestens genauso gut angenommen werden, wie die Hits von früher.

Es gibt aber zwei, drei richtiggehende Explosionen im Publikum, bei „Wenn dann das hier“, „Fotoautomat“ und „Das seh ich erst, wenn ich’s glaube“ entsteht spontanes Pogen und man sieht besonders euphorisch gereckte Fäuste. Einige haben hier richtig Spaß und vielen sieht man auch an, dass sie eine kleine Party in sich drin feiern, aber einfach nicht aus sich herausgehen können oder wollen. Deren Momente sind dann eher Songs wie „Niemand will den Hund begraben“ oder „Ein gestohlener Tag“. Hier wird heftig zustimmend genickt, zu den bitter-wahren Sätzen und man fühlt sich offenbar kurz verstanden, mit dem Frust und den Fragen an und über das Leben, den wir alle in uns tragen.
„Niemals mehr zur Arbeit gehen“
Mir fällt an diesem Abend zum ersten Mal auf, wie viele unterschiedliche Gitarren Thorsten Nagelschmidt spielt. Eine interessante Beobachtung, die man gleich mal mit dem Sound der Platten abchecken muss. Gerade die Momente, in denen MUFF POTTER über lange Strecken instrumental spielen („Kittchen“, „Ein gestohlener Tag“), gefallen mir besonders gut. Man merkt dann, wie verdammt gut das Quartett aufeinander eingespielt ist und auch die Dominanz von Shredders Bass fällt auf den Platten gar nicht so stark auf.
Es liegt nahe, die knappe Schelle „Privat“ mit dem neuen Song „Single/Kandidat“ zu kombinieren. Abgesehen davon, dass sie sich in Rhythmus und Dauer ähnlich sind, weisen sie beide auf absurde Auswüchse des Kapitalismus hin. Nagel informiert uns, dass, selbst wenn man den Song „Single/Kandidat“) eine Nacht durchlaufen lässt, bei den dann erreichten ungefähr 490 Durchläufen, eigentlich nichts über die Streamingdienste bei der Band hängenbleibt. Irgendwie lachen dann alle, aber eigentlich ist das natürlich alles andere als witzig.

„Es gibt kein gutes Leben ohne Blasphemie“
MUFF POTTER sind heute gut aufgelegt, es gibt nicht übermäßig viele Ansagen, aber dann verhältnismäßig lange und ganz offensichtlich keine abgesprochenen. Nagel scherzt selbst, dass diese spontanen Gespräche auf der Bühne schon beinahe an eine Art Panel erinnern. Während er über den alten Karlstorbahnhof erzählt und Gitarrist Felix wissen will, wo eigentlich der Neckar hin ist und ob da jetzt vorher ein Schloss oder eine Burg im Hintergrund war, ruft auch Schlagzeuger Brami immer mal wieder etwas von hinten rein. Das Publikum geht auf die Konversation ein, beantwortet Fragen zur reichsten Wohngegend Deutschlands und macht sich brav bemerkbar, als ein Glas zu Bruch gegangen ist. „Da müsst ihr jetzt ein Pogo-Warndreieck aufstellen“, sagt Nagel. Ein schöner Moment, in dem andere Bands mit Sicherheit etwas spießiger reagiert hätten. Auch die Tatsache, dass er mehrfach DRENS für ihre Unterstützung als Vorband dankt, wurde registriert.
[Best_Wordpress_Gallery id=“67″ gal_title=“Muff Potter 2023″]„Nottbeck City Limits“ wird als eine der Zugaben gespielt, es ist MUFF POTTER hoch anzurechnen, dass sie diese Komposition live bringen. Denn es ist eigentlich unmöglich hier perfekt zu sein, marginale Verschiebungen im Takt und Vortrag sind eingeplant. Im letzten Drittel des Songs kommt Nagel direkt ins Publikum und brüllt den Menschen seine Zeilen ins Gesicht. Sie sind irritiert, gleichzeitig instinktiv fasziniert von seiner plötzlichen Nähe und doch etwas verhalten. „Und was von Menschen gemacht wurde, kann auch von Menschen wieder abgeschafft werden“ wiederholt er gleich mehrfach.
Und auch wenn wir alle selbst denken können, dann hat garantiert der ein oder andere nochmal nachgedacht oder den Text daheim nachgelesen, um zu erfahren, was genau hier so dringlich war. Der Abend ist nicht kurz und trotzdem schnell vorbei, MUFF POTTER haben Eindruck hinterlassen. Beim Rausgehen hört man Menschen sagen, dass sie aber doch noch richtig gut sind und es schön ist, dass sie wieder da sind. Bleibt spannend zu sehen, wohin es MUFF POTTER in den nächsten Jahren musikalisch noch treibt.
Danke auch an „Börek“ von SCHARPING, der an diesem Abend für das Licht verantwortlich und auch schon zu Gast im krachfink.de Podcast war. Die Podcastfolge mit Felix von MUFF POTTER könnt ihr auch jederzeit nachhören.
Setlist MUFF POTTER, Karlstorbahnhof Heidelberg, 27.04.2023
Killer
Ich will nicht mehr mein Sklave sein
Flitter & Tand
Gute Aussicht
Wenn dann das hier
Hammerschläge, Hinterköpfe
Niemand will den Hund begraben
Privat
Single/Kandidat
Beachbar
Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen
Ein gestohlener Tag
Von Wegen
Take a run at the sun
Kittchen
Fotoautomat
Nottbeck City Limits
Das seh ich erst, wenn ich’s glaube
Schöne Tage
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