Hans-A-Plast – I – Review

1974 sang NINA HAGEN, die Godmother of Punk aus Deutschland, noch von Michael, der seinen Farbfilm daheim vergessen hatte. Es dauerte nur weitere fünf Jahre, bis Annette Benjamin von HANS-A-PLAST sehr viel deutlichere Worte fand und damit viel eher das prägte, was wir heute unter Punk verstehen. Selbstredend betrifft das auch die äußere Erscheinung, mit der viele ihre Verachtung gegenüber dem Establishment zum Ausdruck bringen. Wichtiger ist und war aber schon immer, die innere Einstellung und Bands, die diese in ihren Songs transportieren konnten.

‘Barfuß in Scherben, die Zukunft ist vorbei’

Das Album startet mit dem ultraeingängigen “Rock’n Roll Freitag”. Ein Song, der die Not der Dorfjugend treffend beschreibt. Der Drang, endlich mit dem Coolsein anzufangen und die jähe Realität, die den Siegeszug stoppt, weil einfach nichts los ist in der Gegend. “Lederhosentyp”, “Man of Stone”, “Sex Sex Sex” und das schunkelnde “Für’ne Frau” lächeln müde über heutige feministische und stark kopflastige Aktionen. Dass “Lederhosentyp” das gewisse Augenzwinkern hat und nicht das Liebeslied wurde, als das es eigentlich gedacht war, lag letztendlich an Annette Benjamin. Viel zu glatt war ihr der Song, weshalb sie ihn so rotzig wie möglich sang und die eigentliche Message ad absurdum führte. “Es brennt”, die Slampoetry von damals, startet mit theatralischem Sprechgesang. Dann geben Gitarrenfeedback und Drums den Takt, während Annette diabolisch mit “Alles geht kaputt, alles geht in Schutt und ich lach…” den Pogo Richtung Abgrund einzählt.

‘Für ‘ne Frau. Für ‘ne Frau, gut.’

Und schön ummantelt vom damaligen NDW-Hauch war die Mucke auch noch äußerst tanzbar. Komplett schrankenfrei musizierten HANS-A-PLAST, zwar immer ganz deutlich Punk, aber mit stark erweiterten Grenzen. Ein Saxophon in “Starfighter” oder die Pistolenschüsse und die schrägen Sirenen in “Polizeiknüppel” sind da nur die Spitze des Eisbergs. “Ich bin dem Bullen sein stärkstes Glied” heißt es in “Polizeiknüppel”, einem Song, der aus der Sicht des Schlaginstruments selbst erzählt wird. HANS-A-PLAST hatten nicht nur etwas zu sagen, sie konnten es auch so formulieren, dass es jeder dahergelaufene Otto verstehen konnte.

Das grenzte schon fast an die Deutlichkeit des GRIPS-Theaters, war aber genau deshalb besonders charmant. HANS-A-PLAST gehören auch über 35 Jahre nach ihrer Auflösung unumstritten zu den wichtigsten Punkbands Deutschland und ihre Platten in jede Sammlung. Wahrscheinlich lag es daran, dass man manchmal doch besser aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Der Einfluss von HANS-A-PLAST ist auch 2019 noch unumstritten. Wer bei den jungen Wilden von heute zuhört, wird Songtitel wie “Barfuß in Scherben”, Textzeilen wie “Das ist so schön, das ist verboten” oder den Tenor im obergenialen Sarkasmushit “Amerikaner” im Kern wiederkennen. Kultalbum!

Für Leute, die …
bereit sind für den Refrain des Todes von “Lederhosentyp”

Tracklist “s/t” von HANS-A-PLAST
Rock’n Roll Freitag
Lederhosentyp
Für’ne Frau
Ich bin hungrig
Rank Xerox
Es brennt
Startfighter
Polizeiknüppel
Man Of Stone
Amerikaner
Monopoly
Hau ab Du stinkst
O, O,
Sex Sex Sex
Barfuß in Scherben
O, O,
Sex Sex Sex
Barfuß in Scherben

Dauer: 40:02
Label: Lava Records
VÖ: 1979

Bands wie RAZZIA lassen sich gar nicht erst in Rente schicken, die Review zum Album “Am Rande von Berlin” findet ihr hier.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.