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Sarah Kuttner – Kurt – Review

“Kurt”, der mittlerweile vierte Roman der Moderatorin, professionellen Serienexpertin und Autorin Sarah Kuttner aus Berlin, hat noch nicht richtig begonnen, da schnürt sich mir schon der Hals zu und im Bauch sticht es. “Für Jakob, und Miri, und Marc, und Roger” steht da, und mindestens einer davon fehlt mir auch doll. Kuttner weiß also, leider, ganz genau worüber sie schreibt. Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen und in “Kurt” geht es konkret um den Tod eines Kindes. Lena, die den großen Kurt liebt, weiß sowieso noch nicht so ganz, was sie für seinen Sohn, den kleinen Kurt, sein kann und darf. Sie kennt ihn zwar schon, seit er noch in die gute Stube geschissen hat, ist aber nicht seine leibliche Mutter.

Das Problem bestimmt, was wichtig ist

Plötzlich haben alle Beteiligten auch ganz andere Probleme als das neue Haus in Brandenburg. Gott hat ihnen unerwartet auf den Kopf gerotzt und einfach so eine Person aus ihrer Mitte gerissen. Ohne Vorwarnung, danke auch. Das Buch “Kurt” befasst sich damit, wie man mit einem Schicksalsschlag dieser Art umgehen kann bzw. umgehen muss. Wie normal muss man in einer Ausnahmesituation bleiben? Wann ist es wieder erlaubt zu lachen? Was ist Mitgefühl und was ist Mitleid? All diese Fragen werden in “Kurt” behandelt, wenn auch nicht immer beantwortet. Eine allgemeingültige Antwort gibt es beim Thema Trauer sowieso nicht, aber manchmal hilft es schon darüber zu reden.

Darf ich vorstellen? Sarah Kurt Kuttner.

Es gibt Autoren, die sich in die verrücktesten Märchenwelten träumen können und das Talent haben, anderen diese Utopien bildlich quasi in den Kopf zu schreiben. Wer clever oder entsprechend veranlagt ist, kann daraus Parallelen zur Realität ziehen. Kuttner schreibt nur über das, was sie weiß und kann deshalb sehr detailliert und realistisch schreiben. Das wiederum ist für den Leser hilfreich, da ihm die Inhalte vertraut sind und er somit schneller eine emotionale Bindung aufbauen kann.

Warmherzig und zaghaft, unaufgeregt beschreibt Sarah Kuttner die Situationen und bietet damit eine starke Schulter zum Anlehnen. Kuttner ist es gelungen in “Kurt” zu transportieren, dass aufrichtiges Nichtweiterwissen auch hilfreich sein kann und damit nimmt sie Leuten die Angst, trauernden Personen in ihrem Umfeld beizustehen.

Wie viel Realität kann man ertragen ?

Wer “Das kleine Fernsehballett” mit Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier oder Sarah im TV verfolgt – wo sie seit Jahrzehnten durchweg gute Sachen bringt, die dann aber immer nur maximal 2 Staffeln laufen, damit dann wieder “3 nach Illberger” oder Deutschland auf der Suche nach irgendwas Geilem gezeigt werden kann – wird erkennen, dass sehr viel von ihr in Kurt steckt. Sprachlich (“Wie schwer kann es schon sein?”) und inhaltlich, wenn die Hauptfiguren “The Leftovers” schauen, wenn von Stullen geschwärmt oder Kuttners Lieblingsband BELLE & SEBASTIAN gehört wird.

Etwas verwunderlich ist die Tatsache, dass kein Hund in “Kurt” eine maßgebliche Rolle spielt. Aber sicher kommt das im nächsten Roman. Dafür taucht die Gartenarbeit, auch Kuttners private Passion, immer wieder als Sinnbild dafür auf, etwas Neues zu schaffen und wachsen zu lassen.

Und so ist auch “Kurt”, wie alles was Sarah Kuttner an die Öffentlichkeit gibt, nicht von ihr abgekoppelt oder in irgendeine Richtung glattgezogen. Es gibt Pimmelpropeller, Frauen haben Regelschmerzen und Kinder sterben. So ist das im Leben, sollte man sagen dürfen. Auch das Buchcover wurde von ihr selbst gestaltet, mit Abstand das schönste Cover aus Kuttners Bücherkosmos – so viel zum Thema “Wie schwer kann es schon sein?”. In Bezug auf ihre Moderatorentätigkeiten kam häufig der Vorwurf, dass die Kuttner zu viel quatscht. Ja, sollse doch machen. Ich mag das. Bitte keine “Kurt ohne Helm und ohne Gurt”-Witze in die Kommentare, danke.

Seiten: 240
Verlag: S. FISCHER
ISBN-10: 3103974248
ISBN-13: 978-3103974249
VÖ: 13.03.2019

Alle Songs, die in “Kurt” vorkommen oder gut zu “Kurt” passen:

THE DECEMBERTISTS – We both go down together
BELLE & SEBASTIAN – Dogs on wheels
CHARLES AZNAVOUR – Als es mir beschissen ging
GISBERT ZU KNYPHAUSEN – Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
BONNIE TYLER – Total eclipse of the heart
JASON DERULO – If I’m lucky
MORRISSEY – Satellite of love
BEN FOLDS – Bitches ain’t shit
THE FRANK AND WALTERS – Trains, boats and planes
AZURE RAY – November
DUSTY SPRINGFIELD – Dusty…definitely
THE LIBERTINES – Campaing of hate
A. C. Newman – Crying in the rain (AHA-Cover)
DUSTY SPRINGFIELD – You don’t have to say you love me

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