Rut Landshoff - Die Vielen und der Eine

Rut Landshoff – Die Vielen und der Eine – Review

Mit “Die Vielen und der Eine” legt der Verlag den Roman der Schauspielerin und Schriftstellerin Rut Landshoff neu auf. Das H strich sie aus ihrem Vornamen, Landshoff lebte in vielen unterschiedlichen Ländern und bewahrte sich damit eine gewisse Internationalität und unterstrich ihre Extravaganz. Selbst mit dem Abstand von mittlerweile einem Jahrhundert wirken ihre Beschreibungen der Metropolen der Zwanzigerjahre aufregend und schnell. Wir folgen den Erlebnissen der zwanzigjährigen quirligen Reporterin Louis Lou, schnuppern mal und mal da, eine richtige Geschichte im klassischen Sinne gibt es nicht.

Ortswechsel per Wimpernschlag, flüchtige Bekanntschaften

“Die Vielen und der Eine” folgt aber schon nachvollziehbaren Handlungssträngen und es gibt auch eine gute Handvoll konstante Personen, an deren vagen Schicksalen man sich grob orientieren kann. Allerdings erscheinen wir, genau wie Louis Lou, machen wir lediglich Stippvisiten auf unterschiedlichen Tanzflächen, machen flüchtige Bekanntschaften und wechseln scheinbar per Wimpernschlag die Orte. Eben noch in der High-Society, befinden wir uns im nächsten Moment im verruchten Paris oder in der Schwulenszene am Riverside Drive. Rut Landshoff ändert allerdings auch häufig ihren Sprachstil.

Man könnte meinen, das Buch sei von mehreren Autoren verfasst worden und das wiederum erschwert den Lesefluss. Während Rückkunft einfach ein selten verwendetes Wort ist, sind manche Formulierungen sprachlich von hinten nach vorne gedreht und manche auch schlicht falsch. Theresa Enzenberger benutzt in ihrem Nachwort den eher in Ostdeutschland geläufigen Begriff Nazismus und attestiert dem Roman die Kraft zu “proyozieren”. Keine Ahnung, was Letzteres bedeuten soll, aber an manchen Stellen macht man es den LeserInnen bei “Die Vielen und der Eine” unnötig selbst schwer.

Leben in vollen Zügen

Grundsätzlich ist “Die Vielen und der Eine” ein reizvoller Roman, die kecken Aussagen von Louis Lou sind auch heute noch tiefgründig und häufig treffend. Landshoff hält den damaligen Wunsch fest, einfach in vollen Zügen zu leben und möglichst viel von allem mitzunehmen. Alles scheint sich um Louis zu kreisen und nichts scheint wirklich an ihr klebenzubleiben. Sie wirkt ankerlos, aber nicht unglücklich. Es gibt mindestens drei Ansätze für Liebesgeschichten, so richtig findet niemand die wahre Liebe und von einem glatten Ende kann man auch nicht sprechen. Leider bleibt uns die Autorin auch Details zu Paris, London und Los Angeles größtenteils schuldig, lediglich Berlin wird ausführlicher beschrieben.

Wahrscheinlich weil die Protagonistin hier auch mal kurz zur Ruhe kommt und deshalb einen Blick für Details erlangt. Und so hinterlässt uns der Roman genauso, wie es von Rut Landshoff beabsichtigt war. Unbefriedigt, unruhig und trotzdem inspiriert und angenehm berauscht von den vielen Blicken durch fremde Fenster.

Seiten: 185
Verlag: Rowohlt
VÖ: 18.08.2020

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