Lest die Review zu "Gegenwart" von SHATTEN bei krachfink.de

Shatten – Gegenwart – Review

„Gegenwart“, so heißt die neue Platte der Hamburger Indie-Punks SHATTEN. Man hätte es nicht doppeldeutiger und damit treffender formulieren können. In jeder Zeile liegt eine gespannte Ungewissheit, als wäre die Band selbst auf der Suche. Wer zuhört, wird Teil dieses Suchens, ohne unbedingt Profiteur zu sein. „Gegenwart“ lädt dazu ein, in einem wohl temperierten, bunt schimmernden Bad aus Takten und Tönen zu dösen und den Geschichten zu folgen. Sanfte Drums treiben den Fluss voran, ohne zu hetzen, während Gitarre und Bass Stand halten, perlen und nach vorne mäandern wie kleine Stromschnellen im ruhig fließenden Fluss der Songs.

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Wie ist das gegenwärtige Befinden?

Wenn die Gitarren im Opener „Chinaschilf“ sanft wie stumme Feuerräder wirbeln und sich die Töne kunstvoll miteinander verschränken, scheint die Welt sogar richtig in Ordnung zu sein. SHATTEN wissen, wie man die Realität vernebelt und somit erträglich macht. Das Wort Gegenwart lässt sich auch als Bewusstsein des Augenblicks oder als real erfassbare Wirklichkeit verstehen. Etwas, das sich also nur vage von außen beeinflussen lässt.

In diese kleine Möglichkeit des Innehaltens setzen sich SHATTEN mit ihrer Musik. Dabei balancieren sie in jedem Song die Fragen, ob Angriff wirklich die beste Verteidigung ist. Sie fragen auch, wann selbst gewählter Rückzug zur kollektiven Isolation wird. Damit erinnern sie manchmal an die neue Platte von DIE STERNE („Cowboy“) oder mit „Schablonen“ an TOCOTRONIC, wirklich aber deutlich nüchterner in ihrer Ausdrucksweise und mit dem abschließenden „Offene Fenster“ sogar euphorisch.

Bissig ohne Zähne zeigen

Mit „Herbst“ ordnen sich SHATTEN in den vorletzten Punkt eines Zyklus ein und kauen auf dem Aspekt des guten, alten Fatalismus herum. Lange Instrumentalstrecken geben Raum für einen steten Ritt ins Nichts mit offenem Ende. Simeon Melchior schmeichelt jeder einzelnen Silbe und singt selbst Wörter wie Gütersloh, Schienenersatzverkehr oder Wuppertal so charmant und liebevoll, dass man sie positiv assoziiert.

Hier widersprechen SHATTEN der Hamburger Schule, lassen jede Bissigkeit vermissen und verzichten größtenteils auf Ironie und Sarkasmus. SHATTEN texten selten kryptisch. Sie sind meist leicht verständlich. Im behutsam die Angst umfassenden „Apokalypse“ finden sich mehrdeutige Zeilen und mehr Tiefgang, als auf den ersten Blick zu hören ist.

Zwischen Torkeln und Freiheit

Der eingangs beschriebene ruhige Fluss kann auch heftig in Fahrt kommen. In „Raben“ erhöhen SHATTEN das Tempo, beruhend auf dem bewährten System. Auch „Wuppertal“ fällt aus dem Rahmen, mit seinem einem MAMBO KURT durchaus würdigen Unterbau. Der Song klingt, als hätte man die typische Energie der NDW auf ein schummriges, fast schon torkelndes Tempo heruntergefahren. Er wirkt leicht benebelt, wie der letzte Gruß von DJ Heiner in einer schäbigen Kneipe kurz vor Ladenschluss. Gleichzeitig entfaltet er eine fast melancholische Freiheit. Sie ist perfekt für eine endlose Autofahrt ins Nirgendwo, wenn man einfach losfährt, ohne Ziel und ohne Plan.

Sanfte Beharrlichkeit, die bezaubert

Die sanfte Beharrlichkeit von SHATTEN auf „Gegenwart“ ist bezaubernd. Der Präfix Punk bestätigt sich lediglich in der durchweg spürbaren Abwehrhaltung gegen jegliche Form von Konservatismus. Mit Dosenbier und Einzweieinszwei haben SHATTEN wenig zu tun. Lieder wie „Ein Toter mehr, der in diesem Fall aber du bist“ könnte man dennoch herrlich knüppeln. SHATTEN flammen lediglich auf und finden immer wieder zu ihrer entspannten Betriebstemperatur zurück. Dieses Wissen um einen Ruhepol überträgt sich beim Hören.

Dauer: 42:58
Label: Mistunes
VÖ: 06.03.2026

Tracklist „Gegenwart“ von SHATTEN
Chinaschilf
Herbst
Paranoia
Apokalypse
Raben
Wuppertal
Der Gast
Cowboy
Ein Toter mehr, der in diesem Fall aber du bist
Evelyn Grace
Schablonen
Offene Fenster

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