Stewart O’Nan – Abendlied – Review
Wer Stewart O’Nan für einen netten älteren Herrenschreiber hält, der gemütlich Briefe tippt, während er Katzen streichelt, sollte seinen neuen Roman „Abendlied“ schleunigst lesen. Und man sollte sich auf die Frage einstellen, warum das eigene Leben so jämmerlich langweilig ist. Denn O’Nan kann das: alltägliche Scheiße so schreiben, dass man denkt, sie sei episch.
Im Zentrum von „Abendlied“ stehen vier Frauen. Vier alte Frauen. Sie sind tatsächlich alt, nicht junggeblieben, nicht hip im Rentenalter, sondern echt alt, aber lebendig wie nach einem starken Espresso.
Emily, Arlene, Kitzi, Susie, das sind die Namen, die man sich merken sollte, weil diese Ladies nicht nur überleben, sie leben. Sie streiten, lachen, fluchen, vergessen und erinnern sich wieder. Und sie treffen sich im „Humpty-Dumpty-Club“. Klingt nach Lachnummer, eben nach einer kleinen, rundlichen Person und erinnert an die Eierköpfe aus Alice im Wunderland. Tatsächlich ist es nichts davon. Stattdessen ist es das Epizentrum von allem, was dieses Buch so schön macht – und ein Beispiel für tatsächlich gelebten Zusammenhalt.
Vier Frauen, vier Leben, null Filter
Stewart O’Nan schreibt in „Abendlied“ nicht über Ballast oder Schnickschnack. Keine dramatischen Enthüllungen, keine plötzlichen Tragödien. Alles passiert leise, langsam, wie der verschlafene Rhythmus eines Nachmittags, an dem man die Trägheit des Lebens zu schätzen weiß. Und dann – zack – erwischt er einen mitten im Bauch. Eine Erinnerung, ein Satz, ein Blick, und man merkt, dass man schon längst tiefer in der Story steckt, als einem lieb ist. Was „Abendlied“ von Stewart O’Nan so besonders macht, ist der Tonfall.
Er schreibt über Alzheimer, Tod, Alter und Freundschaft, ohne dass es jemals kitschig oder entkräftend wird. Ganz im Gegenteil: Man lacht, man schluckt, man seufzt – und ist sich jederzeit darüber bewusst, dass das hier das echte Leben ist. Diese Mischung aus Humor, Melancholie und gnadenloser Ehrlichkeit ist selbst in Büchern heutzutage so selten, dass man häufig applaudieren möchte.
Leise Geschichten, harte Treffer
Die Freundschaften der vier Frauen sind das Herz von „Abendlied“. Kein Instagram-Fake, keine Superhelden-Momente, einfach nur Menschen, die sich gegenseitig stützen. Emily und Arlene streiten über Bridge, Susie verliebt sich wieder, Kitzi macht Frühstück – alles Szenen, die auf den ersten Blick banal wirken. Aber O’Nan schreibt sie so, dass man versteht, dass es genau diese Momente sind, die ein Leben ausmachen und füllen. Mögen sie noch so unscheinbar wirken. Es gibt keine Helden, keine Monster, keine Weltkriege. Nur das Alter. Das echte Leben. Und das ist verdammt noch mal spannend, wenn man es von jemandem erzählt bekommt, der schreiben kann. Manchmal ist „Abendlied“ witzig, manchmal traurig, oft beides gleichzeitig. Freude und Tränen wechseln sich ab, ein ständiges Auf und Ab, mehr leise als laut und mit dezenten politischen Details.
Alt, aber hellwach
Wer „Abendlied“ von Stewart O’Nan liest, sollte wissen: Das ist kein Spaßbuch. Kein schneller Kick. Kein Happy-End-Kitsch. Aber es ist ehrlich, warm, bissig und wunderbar menschlich. O’Nan kann schreiben, O’Nan kann treffen, O’Nan kann dich da packen, wo es wehtut, und das alles ohne Kitsch, ohne Pathos, einfach nur echt.
Seiten: 352
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 3498007874
ISBN-13: 978-3498007874
VÖ: 27.01.2026
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