Lest die Review zu "Der Brauch" von THE HIRSCH EFFEKT bei krachfink.de

The Hirsch Effekt – Der Brauch – Review

Mit „Der Brauch“ liefert die Hannoveraner Artcore-Band THE HIRSCH EFFEKT wieder genau das, was man von ihnen erwartet: Die Eckpfeiler bleiben erhalten, man hört sie unter tausenden Bands sofort heraus und weiß trotzdem nicht, was man bekommt. Das Ungewisse als verlässliche Konstante zu etablieren, ist schon bemerkenswert. Mittlerweile ist ausreichend Zeit vergangen, um sich in das Mindset von Nils und somit in seine Texte sowie die Kniffe von Bassist Ilja John Lappin und Drummer Moritz Schmidt einzufühlen. Das Artwork greift den Kern von „Der Brauch“ umfassend auf. Ummantelt von einer dicken Schicht, wird blind reagiert. Das Innere geschützt und gleichzeitig verborgen. Sobald die Schale geknackt ist, wird der Kern verletzlich.

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Das Ungewisse als Konstante

Dass THE HIRSCH EFFEKT per se anstrengend wirken, liegt nicht an der Komplexität ihrer Musik. Dadurch, dass das Trio über die Jahre Härte und Druck herausgenommen hat, machte sich eine Dramatik breit, die man einfach nicht nebenbei genießen kann. Zur beiläufigen Bedudelung war die Musik von THE HIRSCH EFFEKT nie gedacht, aber mittlerweile ist ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit unabdinglich, um deren Kompositionen irgendwie verdauen zu können. Auf Härte und Wucht verzichten THE HIRSCH EFFEKT auch nicht grundsätzlich, oft reißen wahre Attacken Löcher in die bis dahin im mittleren Tempo schleppenden Szenen. Wenn „Der Doppelgänger“ sich metaphorisch spaltet und seine zweite Seite zeigt, wirkt die Eruption umso heftiger.

Auch „Das Nachsehen“ geht in Flammen auf, irgendwo zwischen Prog Metal und Black Metal kollidieren die Rhythmen und ein großes schwarzes Loch tut sich auf, in das die Band alles hineinmetert. Artcore ist als Genre eh schwer greifbar und meist sicherlich eine Verlegenheitsdeutung. Elemente von Jazz, Kammermusik und Prog Metal mischen sich mit Pop, alles bewusst so gestaltet, dass sich „Der Brauch“ auch akustisch reduziert wiedergeben lassen könnte.

Verzahnte Songs, geschlossener Kreis

Dass THE HIRSCH EFFEKT sich für den Eurovision Vorentscheid 2026 beworben haben, ist durchaus nachvollziehbar. Das Transferieren von alltäglichen Begegnungen wie bei „Die Brücke“ auf ein abstraktes künstlerisches Niveau lässt sich herrlich inszenieren. „Der Brauch“ wirkt auf den ersten Blick reduziert, erst nach und nach werden die Facetten spürbar. Es wirkt trotzdem isoliert, wie auf dem Off gesendet und dezent abgeschirmt. Wer „Ein Hirsch, ein Virus und ein Baby“ von Gitarrist und Sänger Nils Wittrock gelesen hat, kann verstehen, wie diese Sinnkrise dezent mitschwingt. „Der Brauch“ scheint ein in sich geschlossener Kreis zu sein, endet da, wo es anfängt.

Im Übrigen schimmert immer die prägnante Akkordfolge von THE CUREs „A Forest“ durch, im aufstampfenden Opener und im anschließenden, introvertierten „Der Faden“. Sowas fehlt bei einer Band wie THE HIRSCH EFFEKT, die durch Originalität besticht, natürlich umgehend auf. Grundsätzlich verzahnen sich die Songs, Splitter finden den Weg in jeweils andere Lieder. Dies theoretisch zu erklären, würde „Der Brauch“ seiner Magie berauben. Letztendlich fühlt Otto Normalverbraucher die Musik oder eben nicht; wie komplex und durchdacht der Aufbau ist, juckt die wenigsten.

Aus dem Off gesendet

Eigentlich geht es bei „Der Brauch“ von THE HIRSCH EFFEKT um das, was andere profan das Hamsterrad nennen. Warum das alles, wie kann ich mich besser mit mir und dem Außen verbinden? Die hellen, spreizenden Momente wirken deshalb auch wie ausgestreckte Hände, ein Entgegenkommen. Auch kompositorisch gibt es immer Momente, in denen die Band beinahe konventionell agiert. „Die Heimkehr“ fächert sich zu einem Finale auf, das nach Shoegaze anmutet, das lediglich aufgrund der Streicher in eine andere Richtung führt und majestätisch wird.

Grundsätzlich hinterlässt „Der Brauch“ von THE HIRSCH EFFEKT aber kein befreiendes Gefühl, kein erleichterndes Aufatmen. Farbenfroh wie Kellerstaub bleibt ein Kloß im Hals stecken und die Gewissheit, dass es niemals wieder einfach wird. Einen Brauch zu haben, ist durchaus von Nutzen und kann Sicherheit vermitteln, aber eben auch Last und eine Einschränkung der Freiheit.

Dauer: 48:53
Label: Long Branch Records
VÖ: 31.01.2026

Tracklist „Der Brauch“ von THE HIRSCH EFFEKT
Der Brauch
Der Faden
Das Seil
Brauch Reprise
Der Doppelgänger
Die Lüge
Die Brücke
Das Nachsehen
Die Heimkehr

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