Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder – Review
Es mag eine seltsame Empfehlung sein, aber „Nur für Mitglieder“ von Thorsten Nagelschmidt funktionierte in meinem Fall am besten über die Osterfeiertage und am Stück gelesen. Der Autor, Sänger, Gitarrist und Texter bei MUFF POTTER, beschreibt in diesem Roman ein interessantes Experiment. Um seinen Depressionen zu entkommen, testet er über die Weihnachtsfeiertage eine ungewöhnliche Vermeidungsstrategie. Er setzt sich in den Flieger nach Gran Canaria und nimmt sich vor, in einem All-inclusive-Hotel alle sechs Staffeln der amerikanischen HBO-Kultserie The Sopranos zu bingen.
Was das mit einem macht, wäre für sich genommen schon spannend zu lesen. Doch Nagelschmidt flankiert diese Reise mit Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend und legt so einen Brotkrumenpfad zu der für ihn bislang längsten und intensivsten depressiven Phase. Ohne es explizit auszusprechen, ergründet er, welche Weichen im Leben einen Menschen brechen können und welche Auswirkungen vermeintlich kleine Begebenheiten haben.

Zwischen Eskapismus und Selbstbeobachtung
Thorsten Nagelschmidt hat einen einnehmenden Schreibstil. Dass „Nur für Mitglieder“ so nah an seiner Realität zu sein scheint und er ganz selbstverständlich seine Brüchigkeit mit uns teilt, verleiht dem Roman eine große emotionale Wucht. Dieses Gefühl, zu versacken, kennen sicher viele. Die Idee, sich freiwillig einer absurden Realität hinzugeben, auf den sonnigen Kanaren in der ebenso absurden Umgebung eines „Friss-und-sauf-dich-dumm“-Hotels im abgedunkelten Zimmer die Sopranos zu schauen, löst schon in der Vorstellung bei vielen Unbehagen aus. Ganz nebenbei bekommt man durch seine detaillierten Beobachtungen und Gedanken auch einen kleinen Exkurs durch die Serie selbst, der sich organisch in den Text einfügt.
Tragödie plus Zeit
Nagelschmidt plant sein Unterfangen genau. Zwischen Flucht und Kontrolle liegt oft nur ein Plan. Eindrücke aufschreiben, Nahrung zu sich nehmen, Freizeitaktivitäten, schlafen und die Serie bis zu einem bestimmten Tag durchsehen. Das gibt ihm Struktur, packt ihn bei der Ehre und weckt in ihm den Ehrgeiz, es zu schaffen. Für Betroffene ist das oft deutlich einfacher, als „einfach mal“ zu lachen oder wieder gut draufzukommen. Folgt man dem Text, ist man jedoch mitnichten durchweg traurig. Humor ist bekanntlich Tragödie plus Zeit, dementsprechend gibt es mehr zu lachen, als man zunächst denkt. Ebenso aufmerksam und skeptisch, wie der Autor in sich selbst hineinhorcht, beobachtet er auch seine Umgebung und bemerkt Dinge, die oberflächlichere Menschen vielleicht nicht sehen.
Feiertage, Familie und Fremdheit
Dass Feiertage generell bei Menschen Beklemmungen auslösen, ist häufig in der Kindheit begründet und paart sich mit dem Widerstreben, diesen Mummenschanz von Familie und Harmonie mitspielen zu wollen. „Nur für Mitglieder“ setzt durch die Beschreibung der Hotelgäste und das gegen Bezahlung erzeugte Gefühl einer Parallelwelt einen interessanten Kontrapunkt. Die Hotelangestellten spielen dieses fragwürdige Spiel mit und vermitteln den Gästen, sie seien die Größten, die sich wiederum entsprechend benehmen.
Der Roman spielt aber auch auf die unsichtbaren Grenzen an, die Familien um sich ziehen. Egal, wie lange man Teil einer anderen Familie ist, so richtig dazugehört man nie und so richtig versteht man ihr Zusammenspiel auch nicht. Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, am liebsten allein zu sein, kennen viele.
Eskapismus in vielen Formen
Thorsten Nagelschmidt führt in „Nur für Mitglieder“ verschiedene Formen des Eskapismus so geschickt zusammen, dass man ihre Verstrickung zunächst kaum bemerkt. Spätestens, wenn man das Buch beiseitelegt, wird klar, dass die Unterschiede zwischen denen, die über die Feiertage bei den Eltern so tun, als ob, und denen, die stattdessen lieber im dunklen Zimmer Gangsterserien bingen, gar nicht so groß sind. Das eine ist gesellschaftlich anerkannt, das andere nicht.
Seiten: 230
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 3755000571
ISBN-13: 978-3755000570
VÖ: 08.09.2025
Artikel, die euch interessieren könnten:
MESSER – Die Unerhörten
Svenja Liesau – Es war nicht anders möglich
Dana von Suffrin – Toxibaby
Beatrice Salvioni – Malnata
Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“
Judith Holofernes – Hummelhirn
Barbi Marković – Stehlen, Schimpfen, Spielen
Pascale Hugues – So voller Leben: Über meine MutterDana von Suffrin – Toxibaby
Ruth-Maria Thomas – Die schönste Version
Judith Holofernes – Die Träume anderer Leute
Lisa Ridzén – Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
Joachim Meyerhoff – Man kann auch in die Höhe fallen
Melodie Michelberger – Mein Island: Vom Nichts-Suchen und Alles-Finden
Barbara Handke – Bernadette ändert ihr Leben
Lutz van der Horst – Konfetti-Blues: Ein Liebesroman
Stefanie Sargnagel – Opernball -Zu Besuch bei der Hautevolee
Lenz Koppelstätter – Aylas Lachen
Rut Landshoff – Die Vielen und der Eine
Esther Safran Foer – Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Kerstin Sgonina – Als das Leben wieder schön wurde
Thorsten Nagelschmidt bei Instagram
