Tocotronic Nie wieder Krieg Artwork

Tocotronic – Nie wieder Krieg – Review

“Nie wieder Krieg”, wenn eine Band mit diesem Slogan umgehen kann, dann ist es mit Sicherheit TOCOTRONIC. Auf dem mittlerweile 13. Studioalbum befassen sich Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail mit den Verwundungen, die in erster Linie durch seelische Kriege entstehen, und dem Wunsch nach Frieden.

Mit dem Albumtitel beziehen sie sich auf die Arbeit der Künstlerin Käthe Kollwitz von 1924, die eine kämpferische Frau mit mahnend hochgestrecktem Arm zeigt. TOCOTRONIC entschieden sich für ein plakatives, reines Schrift-Artwork, denn die Action, die hinter dem Slogan “Nie wieder Krieg” steht, muss – auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene – von uns selbst in Angriff genommen werden.

TOCOTRONIC, 2022, Foto von Gloria Endres de Oliveira

Vielseitige Lösungsansätze ohne Zeigefinger

Entgegen der starken Bedeutung, ist “Nie wieder Krieg” in erster Linie nicht belehrend oder pädagogisch, sondern ein sehr warmes und ermutigendes Album. Man vertraut TOCOTRONIC, man weiß, dass sie inhaltlich stabil und der Debatte häufig einen Schritt voraus sind. Musikalisch zeigt sich das Quartett sehr vielseitig, das typische TOCOTRONIC-Gefühl ist durchweg spürbar, die Band streckt ihre Fühler aber immer öfter in unterschiedliche, musikalische Gefilde aus.

Während das letzte Werk “Die Unendlichkeit” die Biografie von Dirk als roten Faden hatte, besteht “Nie wieder Krieg” aus unterschiedlichen Episoden, die nur teilweise zusammenzuhängen scheinen. Der Auftakt mit dem Titeltrack ist opulent und dicht, vor jeder Tat steht eben der echte, ehrliche (und manchmal auch übermütige) Wille und dementsprechend denken TOCOTRONIC mit dem Opener groß. Das anschließende “Komm mit in meine freie Welt” wirkt dann beinahe wie ein startender Motor und das Einsaugen von frischer Luft und purem Optimismus.

Sechs der Songs wurden in den legendären Hansa Studios aufgenommen, einige davon befinden sich auf der lohnenswerten Bonus-EP. Unter anderem der Song “Ein Mann zerfällt”. Ein reduziertes Gitarrenstück, das Dirk vollends ausfüllt, es lässt ihn zerbrechlich und gleichzeitig stark erscheinen. Doch es gibt auch lustige Momente auf “Nie wieder Krieg”. Manches ist offensichtlich spaßig (“Leicht lädiert”), manches offenbart sich erst bei genauem Hinhören (“Ein Monster kam am Morgen”, “Ich gehe unter”) und wieder andere Songs, wandeln sich von vermeintlichem Frohsinn in bittere Tragik (“Ich hasse es hier”).

Im Song “Crash” liebäugeln TOCOTRONIC mit einem Hauch DIRE STRAITS, übertragen das Gefühl von Auf-der-Straße-sein ziemlich gut in ihre Musik. Diese Bewegung vermittelt eine gewisse geistige Freiheit und Genuss am Vorankommen, beides flankiert Jan Müller mit seinem Bass sehr schön.

Tocotronic Live 2021 Mannheim Foto von N Schmidt
TOCOTRONIC, live 2021 in Mannheim, Foto von Nadine Schmidt

Schöne Emotionen ohne unangenehmen Pathos

TOCOTRONIC gehören zu den wenigen Bands, die nicht nur ein Erbe verwalten, sondern mit den Jahren immer besser werden. Wenn sie in “Ein Monster kam am Morgen”, unterstützt durch den französisch-deutschen Musiker Friedrich Paravicini, eine märchenhafte Dramatik zaubern, wirkt das in keiner Sekunde zu zuckrig, sondern unbestreitbar schön. Der Song “Jugend ohne Gott gegen Faschismus” ist das Gegenteil von Kulturpessimismus und eine Geste, mit der die Band selbst einen wichtigen Teil zur Umsetzung von “Nie wieder Krieg” leistet. Es geht nicht um die gegen wir. Statt also alte, grantige Menschen zu werden, heben TOCOTRONIC die Vorteile der nachfolgenden Generationen hervor und bieten sich mit ihrer Erfahrung höchstens als Unterstützung an.

Von Hass zur Liebe gefunden

“Liebe” darf das Album offiziell abschließen und letztendlich geben uns TOCOTRONIC das eine universelle Werkzeug für Veränderung an die Hand, finden tolle Worte für die höchste Form von Wertschätzung und (auch geistiger) Zuneigung. Und so endet die Platte mit der Zeile “Spürt ihr nicht, wie die Liebe euch anfasst?”. Ein enormer Sprung von einer Band, deren erste Worte damals auf dem Debütalbum “Digital ist besser” im Jahr 1995 “Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt” waren, oder?

Tracklist “Nie wieder Krieg” von TOCOTRONIC
Nie wieder Krieg
Komm mit in meine freie Welt
Jugend ohne Gott gegen Faschismus
Ich gehe unter
Ich tauche auf (feat. Soap&Skin)
Ich hasse es hier
Nachtflug
Ein Monster kam am Morgen
Crash
Leicht lädiert
Hoffnung
Liebe

Bonus:
Du weißt mehr als ich
Ein Mann zerfällt
Sirius

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