Touche Amore Lament

Touché Amoré – Lament – Review

Die amerikanische Post-Hardcoreband TOUCHÉ AMORÉ stand mit ihrem fünften Album “Lament” vor einer schwierigen Frage. Worüber singen, was thematisieren? Nachdem das letzte Album “Stage Four” sich ausschließlich mit dem Krebstod von Sänger Jeremy Bolms Mutter befasste, fühlten sich TOUCHÉ AMORÉ einem gewissen (selbst auferlegten) Tiefgang und absoluter Ehrlichkeit verpflichtet. “Lament” dreht sich um die Zeit danach und um die Gewissheit, dass niemand dazu verdammt ist, traurig sein zu müssen. Dass es in Ordnung ist, den Blick auch auf Schönes zu richten, zum Beispiel auf liebe Menschen im eigenen Umfeld. Und um die Gewissheit, dass die Risse und die damit verbundene Fragilität immer bleiben werden.

TOUCHÉ AMORÉ 2020, Foto: George Clarke

Positive Selbstkritik

“Come Heroine” brüllt Bolm etwas aus dem Off im gleichnamigen Opener und nein, er spricht nicht von Drogen. Er spricht von Liebe, die nicht minder berauschend sein kann. Schon der Auftakt wirkt vertraut (selbst)kritisch und trotzdem lebensbejahend. Mich persönlich befällt schon bei dem shoegazigen Gitarrenoutro eine dicke Gänsehaut. Der Tenor zieht sich fast durch das ganze Album. TOUCHÉ AMORÉ sind mitnichten fröhlich, dafür sind sie viel zu vorsichtig und lebenserfahren und wissen, dass schon hinter der nächsten Ecke ein neuer Schlag lauern kann. Ein bisschen klagen muss weiterhin erlaubt sein (“Feign”), aber es ist nicht mehr alles dunkel und schon gar nicht alles aussichtslos.

Kill them with kindness

Als weltoffener, toleranter Mensch hat man es gerade schwer, wenn man in Amerika lebt. Die eigenen Gedanken verändern sich nicht, aber die Tatsache von Trump regiert und gelenkt zu werden, schmerzt und nagt. Mit “Reminders” vermengt Bolm seine eigene Sicht mit der aktuellen Situation des Landes, an seiner Seite wieder die zauberhafte Julien Baker. Der Refrain wurde mit voller Absicht besonders positiv gestaltet, denn was soll man Hass entgegensetzen, außer doppelt soviel Liebe und Zuversicht? “Lament” haben TOUCHÉ AMORÉ mit Ross Robinson aufgenommen, ein engagierter Produzent, der seinen Künstlern viel abverlangt und sogar aus Bolm – dem Inbegriff von Authentizität – noch ein Fünkchen Emotionen mehr herauskitzeln konnte.

Grandiose, neue Töne

Mit “Limelight” haben sich TOUCHÉ AMORÉ selbst übertroffen. Sanf gezupfte und stark reduzierte Parts wechseln sich mit aufblühenden Refrains ab. Bolm gibt sich offenbar geschlagen, bis sein Featurepartner wie ein gleißendes Licht an seiner Seite erscheint und ihm Geleit anbietet. Lange hofften sie auf eine Zusammenarbeit mit Andy Hull von MANCHESTER ORCHESTRA und dann, wenn er und Bolm gemeinsam im Outro verschmelzen und gleichzeitig eskalieren, weiß man auch genau warum. Uff, stark emotional, auch mit den engelhaften Chören und den countrymäßigen Gitarren im Abgang. Das folgende “Exit Row” wirkt dagegen angenehm abkühlend und vom Aufbau her altbekannt. HörerInnen willenlos in Stop-and-Gos verstricken, das beherrschen TOUCHÉ AMORÉ einfach. Trust them.

Es geht aufwärts

Und richtig Country wird es im sogenannten Weirdo-Song – jedes Album von TOUCHÉ AMORÉ hat einen – dem schrägen “A Broadcast”. Mit “I’ll Be Your Host” wehrt sich Bolm gegen die fremd auferlegte Rolle als Sprecher für Menschen, die jemanden verloren haben. Beides ist verständlich. Der Wunsch von Betroffenen, sich an ihn zu wenden, da er so offen darüber getextet hat. Aber auch seine Haltung in seinem Traureprozess nicht immer wieder auf Null geworfen werden zu wollen. Antworten auf die quälenden Fragen hat er doch auch keine, woher auch? Dass er vollstes Verständnis für die Betroffenen hat, führt zu dem angesprochen Dilemma. Mit “A Forecast” geben uns TOUCHÉ AMORÉ einen Ausblick auf die Zukunft, von der niemand weiß wie sie aussieht, von der aber alle das Beste hoffen. Den Drums gebühren die letzten Töne, weiter im Takt,immer weiter… selbst wenn man mal stolpert.

Dauer: 40:58
Label: Epitaph
VÖ: 09.10.2020

Tracklist “Lament” von TOUCHÉ AMORÉ
Come Heroine
Lament
Feign
Reminders (ft. Julien Baker)
Limelight (ft. Andy Hull)
Exit Row
Savoring
A Broadcast
I’ll Be Your Host
Deflector
A Forecast

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