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Ursula Weidenfeld – Die Kanzlerin, Porträt einer Epoche – Review

Kurz bevor im September 2021 die politische Wende eingeläutet wird, legt die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld mit “Die Kanzlerin, Porträt einer Epoche” die Zusammenfassung über Dr. Angela Merkel vor. Eine Politikerin, die in vielerlei Hinsicht Pionierin ist bzw. hätte sein können. Sie ist die erste Frau im Amt, die erste aus dem Osten Deutschland und auch die Erste, die das Amt freiwillig aufgibt. Das Buch entlarvt allerdings, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit um einen letzten Zug, im Sinne der Taktik Merkels handelt. Unsere Reise beginnt in der Kindheit der Pfarrerstochter Angela Merkel, damals noch Kasner.

Wenig Mensch, viele politische Details

Und wie zu erwarten war, halten sich die persönlichen Enthüllungen in Grenzen, auch die Bilder in schwarz-weiß lassen den Mensch Merkel kaum erkennen. Alles hat man so oder so ähnlich schon mal gehört und mit etwas Lebenserfahrung weiß man auch, wie banal der Ursprung von so manchen Anekdoten sein kann. Viel interessanter ist die Chronologie ihrer politischen Karriere, die Kämpfe mit ihren Widersacher*innen und ihr sich über die Jahre formende Regierungsstil. Ein Stil, den man als lähmend, besonnen, grob fahrlässig oder überlegen beschreiben kann. Je nachdem, aus welcher Position aus man ihn bewertet.

Kein Vereinnahmung für bestimmte Themen

Eine interessante Information, die viel über Angela Merkel aussagt, gibt uns Ursula Weidenfeld gleich am Anfang von “Die Kanzlerin, Porträt einer Epoche” mit. In einer prominent besetzten Frauenrunde antwortet Merkel auf die Frage, ob sie Feministin sei, ausweichend verneinend, 2017 wohlgemerkt. Trotz zwischenzeitlichem Liebäugeln mit Alice Schwarzer, ihrer Funktion als Bundesfrauenministerin und der Tatsache, dass sie die Frauenquote in der CDU zeitweise ordentlich nach oben gehoben hat – aktuell wieder stark fallend – will sie sich vor keinen Karren spannen lassen. Denn Job bekommt sie damals übrigens, weil Kohl sie fragt “ob sie gut mit Frauen kann”, das reicht ihm als Qualifikation. Wenn es hart auf hart kommt, dann räumt sie eine Affinität für Wissenschaft ein. Viele Themen stößt sie an, gibt sie aber auch auf, wenn der Gegenwind zu groß ist. Revolutionen und große Ziele liegen ihr nicht, sie verwaltet lieber und versucht mit möglich wenig Aufregung zu regieren.

Taktisch klug und nicht an Personen gebunden

In den richtigen Momenten agiert sie allerdings taktisch klug und erlegt damals mit ihrem Schachzug während der CDU-Spendenaffäre Kohl und Schäuble mit einer einzigen Aktion. Dass Merkel, die ohne große Vorgeschichte zur Partei stieß, sich niemals heiß und innig mit der Partei an sich verbunden fühlt, nehmen ihr einige der Kollegen und Kolleginnen übel. Auf das C im Namen legt sie relativ wenig Wert, sie reagiert auf Trends und die allgemeine Stimmung, am liebsten dann, wenn alle denken, dass es viel zu spät ist. Die Leidenschaft schafft sie schlichtweg ab, was zu einer Spaltung in unterschiedliche, extreme Lager und einem teilweise gespenstischen Stillstand der Gesellschaft führt. Das merkt Angela Merkel, als sie 2015 die Bevölkerung aktivieren will.

Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald vergleicht Deutschland mit dem Auenland. Eine satte Masse, die bisher von Bösem möglichst abgeschirmt darauf beharrt, dass alles so bleibt wie es gerade jetzt ist. Und richtig wütend wird, wenn ihnen jemand die vollen Bierkrüge abnehmen will. Ein Klima, das nicht von ungefähr kommt, sondern aus der langweiligen, nicht sonderlich inspirierenden Politik resultiert.

Erfolge und Fehler

Der Wahnsinn, der in den letzten Jahren einige andere Regierungen in Form von Staatschefs erreicht, spielt ihr in die Hände. Überhaupt wird durch “Die Kanzlerin, Porträt einer Epoche” klar, dass Angela Merkel insgesamt nicht auffällig aktiv war, aber einfach weniger Fehler gemacht hat, als alle anderen, die weltweit am Spiel teilnahmen. Gegen Putin, Erdogan, Johnson und Trump zu glänzen, ist nicht sonderlich schwer. Die Krisen, die sie zu bewältigen hatte, geht sie nicht mit Elan, sondern sehr lange durchdacht und kurz vor knapp an. Das hilft ihr dabei, in reinen Zahlen betrachtet, in einigen Punkten eine gute Bilanz vorweisen zu können. Das betrifft zum Beispiel die Arbeitslosigkeit und die Schulden Deutschlands.

16 Jahre Regierung, fast lückenlos auf 312 Seiten zusammengefasst

Vieles gibt sie nach sagenhaften 16 Jahren Regierung, die auch dem deutschen Wahlsystem und nicht einer eindeutigen Zustimmung ihrer Person begründet sind, schlichtweg komplett unbearbeitet an die Nachfolge weiter. In “Die Kanzlerin, Porträt einer Epoche” schaut Ursula Weidenfeld sehr detailliert und auffallend gut strukturiert hinter Muttis Fassade. Sie findet Gutes und weniger Gutes, benennt beides, ohne zu sehr in die Wertung zu gehen. Ein kurzweiliges, interessantes Buch, dem es gelingt 16 Jahre Regierung lückenlos in 312 Seiten (exklusive Anhang) zusammenzufassen.

Seiten: 312
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
ISBN-10: 373710123X
ISBN-13: 978-3737101233
VÖ: 17.08.2021

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