Warm Graves – Ease – Review

Der dichte, vernebelte Sound von WARM GRAVES auf dem neuen Album “Ease” fasst ganz gut zusammen, wie es wohl aktuell im Inneren von vielen Menschen aussieht. Der eiskalte Beat symbolisiert den Herzschlag, der zwar im Takt bleibt, aber trotzdem keine wirklich warmen Emotionen einbringt. Das Album ist ein Kokon, eine Reise für den Geist und über den Kopfhörer genossen, kann man sich mit der Musik komplett ausklinken.

Die Synthies schaffen vage Rahmen, verhallen aber doch im Nichts und in der ganz deutlich spürbaren ewigen Dunkelheit, die WARM GRAVES erzeugen. Zusammenfassend sind die vorliegenden 52 Minuten also kein Versuch, um gute Laune zu verbreiten. Es geht wohl eher darum, die schwerelose Trägheit, ebenso wie die innere und äußere Orientierungslosigkeit, in Töne einzukleiden.

Raumeinnehmend

Schon im zweiten Song “Black Wine” sollte es gelingen, komplett mit WARM GRAVES aus Leipzig zu versinken. Ähnlich wie bei “replicr, 2019” von 65DAYS OF STATIC setzt die Band aus auf Signaltöne, die in ihrer Intensität und Dauer Wirkung zeigen wollen. Überkreuzende Sound sollen bewusst verstören, die Songlänge zwingen zur intensiven Auseinandersetzung. Somit ist “Ease” kein Album, das man mal eben einlegt und für das Formatradio empfiehlt sich hier auch nichts.

Als Hörerinnen oder Hörer wartet man vergeblich auf Ohrwürmer oder Hooks, an die man sich gerne erinnert und zu denen man zurückkommen möchte. Grundsätzlich ist dieser sphärische Ansatz gut, ob die Songs dafür so ewig lange sein müssten und man wirklich auf jegliche Nachhaltigkeit verzichten muss, ist Geschmackssache. Jonas Wehner von WARM GRAVES hat zu jedem Song eine persönliche Beziehung, alles verarbeitet seine Erlebnisse der letzten sieben Jahre.

Das von Bass angeschubste “Sun Escape” spielt auf eine Dystopie an, in der Menschen nicht mehr nach draußen dürfen. Das ist spürbar, wenn man die Story kennt. Dann begreift man die zerschneidenden Synthies als Sonnenstrahlen und den Bass als Bauchgrummeln. Ansonsten sind WARM GRAVES eben eher instinktiv erfassbar, da man die Texte eben auch nicht wirklich versteht.

Auf Distanz gehalten

Abgesehen von den bereits erwähnten 65 DAYS OF STATIC kommen mir sofort die alten Alben von ALL DIESE GEWALT, LEVIN GOES LIGHTLY oder eben diverse Tranceacts in den Sinn. Was sie WARM GRAVES voraus haben, sind die Momente, die unverkennbar sind, an denen man sich entlanghangeln kann. Bei “Ease” verschwimmen allerdings die Grenzen und Strukturen so stark, dass man die Kompositionen kaum auseinanderhalten kann.

5 Minuten auszuharren, bis bei “Neon” der mahnende Synthieteppich seine interessanten Schichten aufgebaut hat, oder vier Minuten, bis sich im von Akustikgitarre getragenen “Deliria” eine kurz aufflammende Melodie geformt hat, das steht eigentlich in keinem Verhältnis. Was allerdings sehr reizvoll ist, vollkommen unabhängig von den Inhalten, ist die spürbare Distanz. Ein Gefühl, das uns leider in den letzten Jahren allen etwas näher gerückt ist.

Dauer: 52:30
Label: Fuzz Club Records
VÖ: 25.02.2022

Tracklist “Ease” von WARM GRAVES
Atoria
Black Wine
Neon
Sun Escape
Cara
Deliria
Nightfall Daylight
Erase
Sound Sleeper

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