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Interview mit Jan von Turbostaat zu “Uthlande”

Die norddeutsche Punkband TURBOSTAAT spielt seit über 20 Jahren in der gleichen Konstellation zusammen Musik. Nun liegt mit “Uthlande” das siebte Studioalbum vor, das der Band dieses Mal so schnell aus den Händen gerissen wurde, dass es sogar eine amtliche Chartposition erreichte. Der Sänger Jan Windmeier sprach mit mir ausführlich über einzelnen Lieder, seine Emotionen auf der Bühne und die erneuten Aufnahmen mit dem Berliner Musikproduzenten Moses Schneider, dem sechsten Bandmitglied von TURBOSTAAT.

Wenn ich eure Platten höre und mich mit anderen Leuten darüber austausche, dann ist man sich sehr oft einig, dass die Platten einen traurig machen. Ist das für Dich ein schönes Kompliment, wenn man “Uthlande” von TURBOSTAAT als traurig bezeichnet?

So eine gewisse Melancholie ist da nicht abzusprechen und die Texte sind ja auch so, dass sie dahin gehen, wo es weh tut. Mit Blick auf die Gesellschaft und mit dem Blick auf das Persönliche, kann sich auch jeder, der sich damit identifizieren möchte, damit identifizieren. Wir benutzen oft Worte wie Tod und scheiße, das ist die Art und Weise, wie wir texten und das ist eben nicht nur Halli Galli. Wenn Leute im gleichen Atemzug sagen, dass sie die Platte traurig macht, es aber auch schön ist, dann freut es mich, weil dann läuft ja emotional irgendwas ab.

Und das ist für mich das Beste am Musik machen. Wenn sich bei Livekonzerten die Leute in die Arme nehmen oder jemand vor mir steht und weint, weil er irgendwas mit dem Lied verbindet, was wahrscheinlich nicht so schön war, aber der Song hat dabei geholfen, dass damit irgendwie noch etwas Gutes verbunden werden kann. Da sprudeln oft Emotionen, die Leute weinen häufig, aber lachen dann. Das finde ich schön und nicht negativ.

Genau das habe ich mich schon oft gefragt, ob Du die Reaktionen des Publikums überhaupt registrierst. Ich empfinde Dich als sehr fokussiert auf der Bühne.

Oh ja, ich sehe ganz viel. Vielleicht, wenn man die Platte neu spielt und noch sehr aufgeregt ist, weil man neue Texte präsentiert, dann ist man eher konzentriert. Aber ich spiele kein Instrument und versuche im Laufe des Abends mit jedem kurz Kontakt aufzunehmen und jeden mal anzuschauen. Also ich sehe schon viel ja.

Fällt es Dir manchmal schwer die Fassung zu bewahren? Genau wie die Hörer hast Du ja auch Beziehungen zu den Songs. Gibt es Lieder, bei denen Du selbst emotional wackelig bist, weil Du weißt, wenn Dich der Song im falschen Moment erwischt, dann könnte es sein, dass Du den Song nicht mit einer festen Stimme zu Ende bringst?

Ja, ich könnte jetzt natürlich sagen, dass das alles sehr professionell ist (lacht). Aber man hat ja selber mal nicht so gute Momente oder nicht so gute Phasen im Leben. Mir ist ja bewusst, was ich da singe und ich kann mich davon nicht freimachen, dass ich das nur immer für jemanden singe. Ich singe das ja auch für mich selbst. Und wenn es mir nicht gut geht, dann gibt es schon Lieder, da fiel es mir in der Vergangenheit schwer, dass professionell auf der Bühne durchzuziehen und nicht so erwischt zu werden, dass ich dann Schwierigkeiten bekomme, das Lied zu Ende zu singen.

Turbostaat drinnen AMKL2019 Foto von Nadine Schmidt
“Ich versuche im Laufe des Abends mit jedem kurz Kontakt aufzunehmen und jeden mal anzuschauen. “

Nimmst Du es dann mit dem Lied auf oder äußerst Du dann bei der Erstellung der Setlist Deine Bedenken?

Ne, das zieh ich dann schon durch. Setlisten sind bei uns eh immer eine sehr langwierige Diskussion und ich bin ja nicht derjenige, der immer die Setlisten schreibt. Jeder ist mal dran bei, jeder gibt seinen Senf dazu und dann muss ich es eben mit dem Lied aufnehmen, auch wenn ich weiß, dass ich dann an Sachen erinnert werde, an die ich heute Abend gar nicht erinnert werden will. Aber… das macht man dann einfach (lacht).

Das Frontcover hat der Opa von eurem Gitarristen Marten Ebsen gemacht. Leider lebt er nicht mehr, aber da kam mir die Frage, ob ihr die Platten euren Eltern und Großeltern zeigt und ob die damit etwas anfangen können?

Das mache ich mit jeder Platte und jedem Lied, meine Eltern sind sehr gut informiert. Die haben auch irgendwann das Internet für sich entdeckt und mein größter Facebookmoment war wahrscheinlich, als mein Vater und meine Mutter sich dort mit mir befreundet haben. Die sind ganz interessiert und finden toll, was wir da machen. Wenn wir in der Heimat spielen, dann kommen sie auch immer und gucken sich an was wir machen.

Verstehen sie es auch inhaltlich und können mit den regionalen Besonderheiten etwas anfangen?

Ja, ja klar. Also natürlich, wenn ich mal das Lied “Harm Rochel” nehme und dann die Textzeile kommt “Leb doch mehr wie Deine Mutter…”, dann freut sich meine Mutter erstmal, dass sie quasi als Mutter erwähnt wird. Dass sie sich jetzt darüber so rein inhaltlich freut und damit auseinandersetzt, sei mal dahingestellt. Aber, dass was wir tun und wofür TURBOSTAAT steht, wie wir agieren und mit dem Publikum umgehen, also das Gesamtbild TURBOSTAAT, das gefällt ihnen ganz doll.

“Uthlande” hat, meiner Meinung nach, das schönste Artwork, das ihr bisher hattet.

Das war ein Zufall, das Bild hängt bei Martens Eltern im Wohnzimmer und im Laufe der Platte macht man sich Gedanken über die Optik und irgendwann kam Marten auf die Idee, uns das vorzustellen.

Eine schöne Erinnerung an den Opa. Der erste Song “Rattenlinie Nord” beschäftigt sich mit einer nicht so schönen Erinnerung, der Inhalt ist klar. Ich möchte gerne über den Dialog aus dem Film “Memory Of Justice” sprechen. Aufgrund der Sprechweise des Journalisten, verortet man das Gespräch sofort nach früher. Wenn man sich nur an dem Gestammel orientiert, dann denkt man, es würde sich um einen von vielen Tätern handeln. Aber es handelt sich um Karl Dönitz. Also einer, der jetzt nicht gerade guten Gewissens so tun kann, als ob er von nichts gewusst hätte.

Richtig.

Findest Du die Tatsache, dass er das ist – und nicht irgendeiner – schon relevant? Hitler empfand ihn ja als so stabil, dass er ihn sogar als seinen Nachfolger eingesetzt hat.

Ja, in besonderen Maße, weil er auch noch in den letzten Tagen in Flensburg war. Die Rattenlinie Nord beschreibt ja die Fluchtroute der Nazis nach Flensburg. Und irgendwann, als dieses Thema wieder aufkam, wurde dann dadurch auch klar, dass ganz viele Leute es geschafft haben, sich dadurch in Flensburg abzusetzen. Also jetzt nicht raus aus Flensburg, sondern einfach dort geblieben und es wurde ihnen kein Prozess gemacht.

Wenn man dann weiter überlegt, dass – um wie sie sagen „eine Stabilität zu gewährleisten“ – solche Leute wieder eingesetzt wurden, dann wird einem einfach nur schlecht. Dafür steht für mich dieser Karl Dönitz, dass alles was gemacht wurde mit Pflichtbewusstsein zu rechtfertigen ist. Darum geht es eher, dass die Leute meinen sich herausreden zu können. Das Pflichtbewusstsein ist immer noch in ihm und wenn er so stammelt, dann wirkt er überrascht.

Dabei ist es natürlich gar nicht so überraschend für ihn.

Das merkt man auch durch solche Aussagen, dass er gedacht hat, er hätte den Gefangenen aus dem KZ einen Gefallen getan, weil er sie für die Kriegsmarine zur Arbeit angefordert hat. Weil es ihnen da besser gehen würde, als im Arbeitslager.

Du bist Erzieher, inwieweit ist die damalige Erziehung dafür verantwortlich? Pflichtbewusstsein, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und möglichst wenig Individualdenken haben dieser Ideologie natürlich in die Hände gespielt.

Ja, aber ich glaube, das ist genauso wie heute. Es gibt Menschen, die lieber weggucken. Die wissen es ganz genau und dann wird halt weggeguckt. Und wenn man dann darauf angesprochen wird, dann wird mit großen Augen geguckt und so getan, als ob man nichts wusste. Ich tue mir schwer damit, dass Leute sagen, dass sie nicht wussten, was damals passierte. Es gibt eventuell Leute, die die Ausmaße in einem Konzentrationslager nicht begreifen können oder nicht gesehen haben. Aber, dass sie nicht wussten, dass es Arbeitslager gibt und den Leuten nicht gut geht, dass da gerade eine Säuberung passiert, da tue ich mich schwer.

Und das ist heutzutage genau das Gleiche. Mal abgesehen von der ethnischen Säuberung sollte jedem bewusst sein, was die AfD anstrebt. Da ist jeder in der Pflicht und das hat dann nichts mit Erziehung zu tun. Jeder hat ein Gehirn, das er einschalten könnte. Und wahrscheinlich tun sie nichts, weil sie Bock haben, auf ein bisschen Hass, weil Hass ja auch vereint. Ich glaube, die Leute wissen es und die wussten es sicher auch damals. Man hört ja auch immer nur von den Gefangen und die anderen Zeitzeugen halten alle die Fresse. Die Familien der Leute, die da involviert waren, halten auch die Fresse oder versuchen sich irgendwie herauszureden. Auch wenn die Leute dann sagen, wenn sie das gewusst hätten und dass es ihnen leid tut, dann haben sie trotzdem dabei geholfen. Dann kann es noch sein, dass sie irgendwie Angst hatten, aber nichts gewusst, das glaube ich nicht.

Was ich mir vorstellen könnte, ist, dass ein kleiner Teil posttraumatische Störungen hat und das Gehirn einfach vor gewissen Szenen dicht macht, um die Seele zu schützen. Was Du sagst, würde ja aber bedeuten, dass die größte Gefahr weder die Naivität oder Uninformiertheit sind, sondern das Böse im Menschen grundsätzlich. Das kriegt man dann nicht in den Griff, oder?

Ja, ne kriegt man nicht. Man kann es irgendwie eindämmen. Wenn man sich die Gesellschaften der verschiedenen Zeiten anschaut, dann ist es immer so, dass sich Leute besser gefühlt haben, wenn sie hassen konnten und sie irgendein Ziel hatten, das es zu bekämpfen gab. Wahrscheinlich ein menschliches Ding, das eklig ist und nicht in den Griff zu kriegen. Also lernen und laut sein, wenn man dagegen ist.

Hoffentlich schauen viele den Film, es ist schon ein Aha-Erlebnis, wenn man sieht, wer da so rumstammelt und tut, als ob er von nichts gewusst hätte.

Ja, wäre schon schön. Ich hoffe, wir erreichen ein paar Leute, die wir sonst nicht erreichen und die nicht eh mit uns konform gehen. Aber das ist einfach nur ein Wunsch, da weiß ich nicht, ob das Lied Menschen dazu bringt darüber nachzudenken. Im TV kann man sich den ganzen Tagen Reportagen über den Zweiten Weltkrieg anschauen und das hat ja die Gesellschaft auch nicht grundsätzlich verändert.

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