Anne Stern Foto von Max Zerrahn

Interview mit der Autorin Anne Stern zu ihren Fräulein-Gold-Romanen

Die Berliner Autorin Anne Stern ist auffallend produktiv, erst im Juni 2020 erschien der erste Band über die Hebamme Hulda Gold und ihr Leben im Berlin der Zwanzigerjahre. Vor einigen Wochen kam nun schon der vierte Teil, mit einem ungewöhnlich harten Ende und einem Ausblick auf den fünften Teil. Es geht in der Saga um Liebe, Leid, unterschiedliche Lebensmodelle, die Emanzipation der Frauen, Rassismus, Popkultur, Politik, Kunst und die Geschichte Deutschlands. Wir sprachen darüber, wie die Bestsellerautorin ihr Hobby zum Beruf machte, wie sie zu der Hauptfigur Fräulein Hulda kam, wie es mit der Geschichte auf lange Sicht weitergeht und welche Aspekte ihr dabei besonders wichtig sind.

Wann hast Du denn überhaupt angefangen zu schreiben?

Ich habe vor ungefähr viereinhalb Jahren angefangen. Ich wollte eigentlich schon immer schreiben, habe mich aber nicht so richtig getraut (lacht), wie das wahrscheinlich bei vielen Autorinnen und Autoren der Fall ist. Da ich Germanistik und Literaturwissenschaft studiert habe, hatte ich schon einen Überbau im Kopf, wie ein Roman aus meiner Sicht auszusehen hat. Das konnte ich immer nicht überwinden, habe es deshalb vor mir hergeschoben und mir gedacht, dass ich aber eigentlich Autorin sein will (lacht).

Wow, umso besser, dass du erst vor so kurzer Zeit angefangen und schon so viele Bücher geschrieben hast, die alle sehr erfolgreich sind!

Das stimmt. Da hat sich eventuell auch schon über die Jahre etwas angebahnt, dann ist der Knoten geplatzt und es war plötzlich kein Halten mehr. Mir macht es einfach mega Spaß. Es war bisher ein Hobby, für das man nie richtig Zeit gefunden hat, und nun ist daraus mein Beruf geworden. Das ist toll und privilegiert (lacht).

Für das Buch “Meine Freundin Lotte“ hast du dich an der tatsächlich existenten Malerin Lotte Laserstein aus den Zwanzigerjahren orientiert. Wir reden heute aber über die Fräulein-Gold-Saga, gab es für die Hauptperson, die Hebamme Hulda Gold, auch ein reales Vorbild?

Nein, sie ist komplett fiktiv. Für “Meine Freundin Lotte“ war das auch ein ganz anderes Schreiben, da ich ja an Fakten und Biografien gebunden war, denen man sich auch irgendwie verpflichtet fühlt. Auch wenn Fräulein Gold fiktiv ist, dann ist sie mir doch ein bisschen zugeflogen, ohne jetzt esoterisch klingen zu wollen (lacht). Es war so, dass ich auf einem Spaziergang durch Schöneberg unterwegs war. Als Geschichtslehrerin, denke ich generell viel über Geschichte nach, wenn ich so durch die Stadt gehe.

Manchmal schieben sich dann vor die Realität die Bilder der Vergangenheit. Und als ich auf dem Winterfeldplatz war, da hatte ich plötzlich eine Eingebung. Wie wäre es wohl, wenn man die Geschichte dieses Platzes durch die Augen einer ganz normalen Frau erzählen würde? Also keine Witwe oder Erbin, da gibt es ja schon einiges an entsprechender Literatur. Aber mir fehlte der Zugang über eine Frau, die ganz normal lebt und arbeitet. Dann hatte ich sie ganz schnell vor Augen, mit ihrem Bubikopf und den Haaren bis zum Kinn.

Ich wollte auch von Anfang an eine Figur haben, die einen kleinen Knall hat und nicht nur vollkommen glatt und unglaublich sympathisch, sondern eher erstmal widerborstig ist. Nicht alle finden ja Hulda Gold nur sympathisch und das bestätigt mich darin, dass ich das gut gemacht habe (lacht).

Das Buch klang für mich ehrlich gesagt erstmal gar nicht so spannend, ich war dann aber schnell gefangen von der Geschichte. Das liegt tatsächlich an deiner Ausgangsidee, denn gerade dieses leichte Verweben von politischen und feministischen Themen, aus der Sicht einer ganz normalen Frau, das ist der Reiz der Reihe. Das hat sich aber so ergeben, oder? Du hattest erstmal wirklich nur die Figur und ab da hat es sich quasi verselbständigt?

Ja. Es gab tatsächlich erstmal nur die Figur, von der alles ausgeht. Sie ist sozusagen die Keimzelle des Romans und dem bin ich bis jetzt treu geblieben. In jedem Band, merke ich noch mehr, dass mich diese Frau weiterhin fasziniert und ich über sie an viele gesellschaftliche Themen andocken kann. Ich traue mich immer mehr, diese inneren Monologe auch auszuerzählen und begebe mich Band für Band noch tiefer in die Psyche dieser Frau und ihr Erleben dieser Welt. Einen übergeordneten Plan gab es tatsächlich nicht. Sobald man sich mit den Zwanzigerjahren beschäftigt, fallen einem diese gesellschaftlichen und politischen Themen ja in den Schoß, da musste ich nicht planen. Ich gehe an ihrer Seite durch die Stadt und erlebe durch ihre Augen die gesellschaftlichen Konstellationen neu.

Interview mit Anne Stern 2021 krachfinkde final

War es von Anfang an als Serie angelegt?

Ja, am Anfang waren grob drei Bände geplant, aber mir war klar, dass es mehr Bände werden können. Die Geschichte startet ja sehr früh in den Zwanzigerjahren, also nicht da, wo die Weimarer Republik schon quasi wieder in der Zerstörung ist, sondern so dass man diese Genese miterleben kann. Die Radikalisierung, die sogenannten Goldenen Zwanzigerjahre, die aber auch unterhöhlt sind von Themen, die bis heute nicht weg sind.

Aber natürlich auch diesen Lack auftragen, der Spaß macht und sich gut erzählen lässt. Und dann eben die Talfahrt, Ende der Zwanziger und Anfang der Dreißiger, die in die Katastrophe führt. Das wollte ich von Anfang an auserzählen und finde es ist auch ein Versprechen an die Leserinnen und Leser, an Hulda Gold und mich selbst. Es ist notwendig, diese Fässer aufzumachen.

Radikalisierung, Antisemitismus, die Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen und dieses politische Pulverfass, das muss ich ja auch auserzählen und die können nicht einfach 1925 so aufhören. Tschüß, das war’s (lacht).

Nein, ich will schon zeigen, was daraus geworden ist und auch ein bisschen warum, ohne rein politisch sein zu wollen und immer mit dieser Leichtigkeit, die Hulda Gold uns ermöglicht.

Damit erreichst du mit Sicherheit Menschen, die sich mit solchen Themen sonst nicht beschäftigt hätten.

Das wäre natürlich schön, aber es hat keinen didaktischen Ansatz. Ich möchte diesen Zwischenbereich füllen, mit guter Unterhaltung, aber auch mit Unterthemen, die mir am Herzen liegen und die ich wichtig finde.

Einiges erschien damals aussichtsreicher und bei vielen Themen sind wir erschreckend wenig vorangekommen. Wie ging es dir mit dieser Aufarbeitung, wenn du die Geschehnisse der Frauengeschichte von damals mit heute vergleichst?

Darauf gehe ich auch in meinem Nachwort ein, das mir eventuell etwas zu politisch geraten ist, aber ich hatte wirklich das Bedürfnis zu sagen, dass wir noch nicht an einem Punkt sind, an dem man zufrieden sein kann. Weder was Gleichberechtigung angeht, noch was den Blick auf weibliches Leben angeht. Das verhandele ich ja immer über die Hebammen-Geburten-Geschichte. Auch in Deutschland sind wir noch weit davon entfernt, dass man sicher und entspannt gebären kann. Von anderen Länder ganz zu schweigen. Das finde ich aber eigentlich ein Armutszeugnis, für eine vermeintlich geschlechtergerechte Gesellschaft.

Das Gleiche gilt auch für die Abtreibungsproblematik, auch in Deutschland hat man gesehen, dass die Frauen während der Pandemie, die nicht direkt in der Großstadt leben und noch Kinder zu versorgen haben und somit eventuell nicht so schnell von A nach B kommen, sofort hinten heruntergefallen sind. Dann verstreicht die Zeit, in der man einen Schwangerschaftsabbruch machen kann. Wenn man nach Polen schaut, das ist ein totaler backlash.

Beim Schreiben bin ich immer wieder begeistert, von der Parallelität, dann aber auch wieder empört, dass es so schwer zu sein scheint, da etwas zu verändern. Aber das ist das Reizvolle, diese Themen zu verhandeln, ohne über die Gegenwart schreiben zu müssen. Aber trotzdem werden viele Leserinnen und Leser diese Verknüpfung ziehen.

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