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Interview mit Grafi zum Album “Ektoplasma”

Der Berliner Künstler GRAFI hat die Symbiose von Black Metal und Rap mit seinem neuen Album “Ektoplasma” auf die Spitze getrieben. Im Skype-Interview plauderten wir ausführlich über das gewisse Etwas von Musik, seine Inspirationen für das Album, seinen Werdegang und was genau er unter musikalischer Freiheit und Experimentierfreude versteht.

Schreibst Du immer noch nachts Musik?

Ne, nicht unbedingt immer. Aber nachts bin ich grundsätzlich kreativer, da komme ich eher in die Stimmung, um Musik zu machen.

Wie kann man sich das dann vorstellen, gräbst Du Dich mit magerer Beleuchtung daheim ein und gehst in Dich, oder wie läuft das ab?

Ich mache mir ein entsprechendes Stimmungslicht aber, eher so neon und keine Kerzen oder sowas. Wobei ich das früher auch oft gemacht, aber heute ist es eher Neonlicht. Dann höre ich meistens erstmal etwas Musik, die ich auch fühle oder Beats, die ich schon da habe und dann schreibe ich auch gleich auf die Beats.

Du lässt Dich meistens von der Musik inspirieren?

Genau. Meistens ist erst der Beat da, aber der wird auch manchmal dann nochmal nachproduziert. Manchmal hat man erst ein sehr vages Beat-Skelett, das noch gar nicht richtig ausproduziert ist und dann geht man erst danach mit den Gitarren drüber. Bisher haben wir es immer so gemacht, dass die Gitarren mit Plug-ins aufgenommen waren und wir dann – wenn dann der Gesang final fertig war – nochmal echte Gitarren darunter gespielt haben.

GRAFI, 2020 Foto von Basti Grim
GRAFI, 2020 Foto von Basti Grim

Kannst Du denn Gitarre spielen?

(lacht) Nein, eher spärlich. Ich könnte wohl NIRVANA spielen oder einige Powerchords.

Je nachdem, welche Art von Black Metal man haben will, kommt man ja damit auch schon relativ weit.

Könnte man auch machen, ja. MARDUK oder so ginge wohl auch noch (lacht).

Welche Musik hörst Du denn, wenn Du Dich in Stimmung bringen willst?

Unterschiedlich, ich brauche etwas, das mich erfrischt und bin immer wieder auf der Suche nach Musik, die mich erfrischt, und zwar vollkommen unabhängig vom Genre. Im Metal sind es eher Blackgaze-Sachen, sowas wie ALCEST, AMESOUERUS habe ich früher sehr viel gehört und die liebe ich bis heute oder KATATONIA, das ist einer meiner absoluten Lieblingsbands. Also eher atmosphärisch, was etwas tiefer geht oder sogar leicht spirituell ist. Ich denke auch sehr viel nach, versuche mehr ins Unterbewusstsein zu gehen und deshalb interessiert mich sowas nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch.

Aber auch viel Rap, auch da gibt es eine Schnittstelle, es gibt mittlerweile sehr viele Subgenres im Rap, die emotionale Musik machen. Das ist dann zwar meistens mit Autotune (lacht), was ja in der Metalszene ein krasse No-go ist. Ich würde sehr gerne mal Black Metal mit Autotune-Gesang kombinieren. Wenn man es gut macht, mit viel Hall und viel Fläche, dann passt es richtig gut zusammen. Autotune kann man ja unterschiedlich einsetzen, als Effekt und es muss ja nicht so klingen wie CHER oder wie im Mainstream-Rap. Experimente mit Autotune sind im Black Metal eher spärlich gesät.

Experimente im Black Metal sind generell spärlich gesät.

Die Black-Metal-Szene hat schon ihren Ursprung, schon fast religiös ist das. Alles sehr true und traditionell, da lässt man ungern neue Sachen rein und von daher ist das schwierig mit Experimenten. Ich vermisse die Experimentierfreude im Metal.

ZEAL & ARDOR haben ja zumindest mal etwas anders gemacht. Du hast bei Ghost City Recordings mit Nikita von DER WEG EINER FREIHEIT aufgenommen…

Ja, wir waren auch schon zusammen in Bands, haben zusammen bei FUCK YOUR SHADOW FROM BEHIND gespielt und bei ÄRA KRÂ, da war ich Sänger und Schreiber, da hat er auch Gitarren eingespielt. Wir haben damals am Anfang absichtlich nur Fotos ohne Gesichter veröffentlicht, keine Namen genannt und nichts in die Booklets geschrieben. Einfach, damit die Musik ihre Wirkung entfalten kann. Bei DER WEG EINER FREIHEIT war es ja anfangs auch so abweisend, nur wegen dem Aussehen, haben sich die Leute darüber ausgekotzt. Mittlerweile akzeptiert sie jeder, weil sie schon einige Alben gemacht und einfach immer abgeliefert haben. Aber am Anfang war das echt krass. Mir wäre auch das Liebste, wenn die Leute an meine Musik unvoreingenommen rangehen. Ich bin kein Fan von diesem engstirnigen Denken, in meiner Welt gibt es das nicht.

Müsste man “Ektoplasma” jetzt aber aufteilen, dann würde ich sagen, dass es 30 % Black Metal und 70 % Rap sind.

Ja, da würde ich mitgehen. Wir haben das aber nicht streng kalkuliert (lacht), der Hip Hop dominiert immer noch und das war auch eine bewusste Entscheidung. Sobald man zu viel der Metalelemente nutzt und Hip Hop reduziert, wird es zu einem komischen Crossover-Ding und genau das wollten wir auch nicht. Das kriegt dann so einen seltsamen Beigeschmack von White Trash (lacht), den ich nicht anders beschreiben kann. Wir wollten bewusst alles beatlastig halten, weil das GRAFI auch was Eigenes gibt. Hätte man eine komplette Band auf die Bühne gestellt, dann wäre es wieder ein komischer Mischmasch, den es schon so oft gab.

Du hast also bewusst einen DJ und keinen Drummer?

Meistens habe ich einen DJ, aber ich hatte auch schon zwei Mal einen Freund, der auch bei NEÀNDER spielt, mit Schlagzeug dabei. Das hat auch gut geklappt, aber der Vibe ist ein anderer und man muss sich entscheiden, was man will. Es kann den Songs an manchen Stellen mehr Wucht geben, aber an anderen Stellen nimmt es sogar die Wucht raus. Die 808 Hi Hats, die wir benutzen, haben eine ganz andere Dynamik, als dass was man live erzeugen kann. Da klingt es dann wieder wie ein Teppich, da geht viel von dem Groove verloren. Auf einem Festival oder einer größeren Bühne wäre es bei bestimmten Parts gut, grundsätzlich finde ich das andere besser.

Vor Kurzem habe ich ein Interview mit VERDERVER gemacht, die nutzen auch einen Drumcomputer und Gitarrist Glönn war etwas verwundert, dass jeder davon ausgeht, dass eine Metalband keinen nutzen sollte.

Früher wäre ich auch der Meinung gewesen (lacht), dass Metal mit Drumcomputer nicht gut sein kann. Aber eigentlich ist es kein Muss und heute sehe ich es komplett anders. Gerade in den letzten Jahren habe ich mir viel Rap live angeschaut – auch Underground aus Amerika – und ich muss sagen, dass das mittlerweile live so brachial ist und wirklich krank abgeht, teilweise krasser als auf einem Metalkonzert. Mit Circle Pit, Wall of death und im Publikum ist so eine extreme Energie, gerade weil dieser 808-Sound so dominiert. Der schiebt einen schon an die Wand.

Was kannst Du im Rap ausdrücken, was im Metal für Dich nicht umsetzbar ist?

Ich habe in Metalbands immer nur geschrien, da erzeugt man immer ein gewisses Unverständnis, vor allem für die Leute, die die Hörgewöhnheit noch nicht haben. Im Rap kann ich mehr mit meiner Stimme ausdrücken. Das ginge im Metal theoretisch auch, aber in der Praxis hast man immer dieses fette Instrumental und es ist gar kein Platz, um wirklich viele Wörter unterzubringen. Man zieht oft die Wörter länger, auch beim Schreien. Gedichte schreibe ich schon immer, bin sehr an Reimen fixiert. Sehr oft schreibe ich ihn Ketten, da muss ich mich auch mal davon lösen, weil ich zu verkopft bin. Und im Metal braucht man das oft gar nicht machen, weil man es eh nicht merken würde. Außer man würde ganz schnell singen (lacht), aber das macht man nicht, weil es gar nicht passen würde.

Manches Mal will man es auch gar nicht verstehen. Heute habe ich die neue Platte von WINTERFYLLETH gehört und mir war total egal, welcher Text da gesungen wird, weil die Musik schon alles eingenommen hast.

(lacht) Genau und es spielt auch gar keine Rolle. Bei ALCEST gibt es oft gar keinen Text, wenn ich selbst Musik höre, spielt der Text für mich beim Metal auch insgesamt eine geringere Rolle als früher und ich konzentriere mich eher auf die Atmosphäre.

Auch bei Rap?

Ja, auch da (lacht). Ich höre gerne die Schweden von DRAIN GANG, die machen sehr abgefahren Sounds mit sehr viel Autotune, total übertrieben und viel Hall. Man versteht ganz wenig, aber es geht mehr um die Melodie und die Atmosphäre. Mumble-Rap mag ich auch, das höre ich echt gerne und auch die hypnotischen Vibes im Loop, das hat etwas von Trance. Genau das, was ich am Black Metal schätze, nur anders umgesetzt. So Old-school-Sachen mit 90bpm und ‘Ey, wo sind die Hände?’ (lacht), sowas höre ich nicht und das interessiert mich auch nicht.

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