Lest die Review zu "Neon Noir" von VV bei krachfink.de

VV – Neon Noir – Review

Seit der finnische Multiinstrumentalist VV (Ville Valo) mit seiner Alternative-Goth-Rockband HIM das Objekt der Begierde vieler war, ist viel Zeit vergangen und man hat ihn aus Augen und Ohren verloren. Da ist sein neues Album “Neon Noir” doch eine gute Gelegenheit, sich mal auf Stand zu bringen und das neue Musikjahr tatsächlich genreoffen zu starten. Wir haben so viel durchgemacht im letzten Jahr, da bringt uns eine wahrscheinlich extrem radiotaugliche Platte aus nicht mehr um.

Und wenn man weiß, was einen erwartet, dann ist es auch meistens gar nicht so schlimm. Im Fall Ville Valo ist es wichtig zu erwähnen, dass seine musikalischen Aktivitäten wahrscheinlich nicht in Zusammenhang mit übersteigendem Geltungsdrang stehen. Er spielt unter anderem in der Band des ehemaligen HIM-Gitarristen Schlagzeug und begab sich somit problemlos von der ersten in die zweite Reihe.

VV, Foto von Joonas Brandt, 2022

Anknüpfen an die ureigenen Stärken

VV versucht mit “Neon Noir” natürlich bei seinen bewährten Stärken anzuknüpfen. Und die Chance, dass so manche Seele, die schon 1999 zu seiner Musik geschwooft hat, auch jetzt damit glücklich wird, ist hoch. Das Herzstück von “Neon Noir” ist Liebe, ausgehend von diesem Gefühl ließ er sich zu Songs inspirieren, mal mehr und mal weniger schmachtend. Radiotauglichkeit ist ein ebenfalls ein großes Thema, denn sollte sich tatsächlich jemand beim ersten Durchlauf nicht sofort an den Refrain erinnern… kein Problem, VV wiederholt ihn dann noch ausreichend oft.

Die rockigen Momente sind durchaus gelungen, schlichtweg etwas fad produziert und während des eigentlichen Klimax ausgebremst. Im Hintergrund wird zwar über die Saiten geschlittert, bei uns kommt das aber verhalten an. Kann natürlich sein, dass sich das ungezügelt und live nochmal ganz anders, viel besser, anhört. “Neon Noir” verliert ganz viel Charme durch die flache Produktion.

Komplett kneifen kann man sich allerdings die Schlagerhits wie beispielsweise “Baby Lacrimanium” aus dem man theoretisch auch ein gutes Post-Rock-Stück hätten machen können. Einfach die klinischen Stampfdrums kicken und die Harmonien detaillierte und flächiger ausgestaltet hätte, mehr Mut zu tatsächlicher Epik (wie beim Ende von “Saturnine Saturnalia”). Und aus “Heartful Of Ghost” hätten ERASURE oder AND ONE den Gassenhauer des Jahres gezaubert. Zu “Vertigo Eyes” oder “In Trendonia” fällt mir allerdings keine Rettung ein.

Illusion für die Zielgruppe

Auch der Trick mit dem Wechsel in die Kopfstimme und wieder zurück, er funktioniert noch. Ebenso wie die dominanten Spielchen andeutenden – und bisschen toxischen – Tendenzen im Titelsong, sie werden Abnehmer finden. “Love me ’til it hurts”, kann man ja auch so und so verstehen. Lederpeitsche, ich hör Dir klatschen… Es sei allen gegönnt, die damit nochmal ein bereits vergangenes Gefühl auffrischen möchten. VV kommt mit “Neon Noir” auf Tour und in den hinteren Reihen ist die Illusion perfekt. Mein Gott, warum auch nicht?

Wenn VV die Synthies auspackt und auf Tanzbarkeit setzt (“The Foreverlost”), leider auch inkonsequent und lediglich als kurzen Brandbeschleuniger, dann steht ihm das wohl am besten. Dieses häufige Antäuschen von vermeintlicher Härte und dann nicht ausspielen (“Salute The Sanguine”, “Saturnine Saturnalia”…), ist auch der einzige, tatsächliche Kritikpunkt an “Neo Noir”. Ansonsten ist das eine vorhersehbare, Platte, geschrieben für die gefühlsduselige Zielgruppe (no front), die nicht weh tut und ihren Zweck erfüllt. Die Platte klingt bisschen so, wie das Artwork aussieht und ist nicht halb so radiotauglich wie eingangs befürchtet.

Dauer: 57:50
Label: Spinefarm Records
VÖ: 13.01.2023

Tracklist “Neon Noir” von VV
Echolocate Your Love
Run Away From The Sun
Neon Noir
Loveletting
The Foreverlost
Baby Lacrimarium
Salute The Sanguine
In Trenodia
Heartful Of Ghosts
Saturnine Saturnalia
Zener Solitaire
Vertigo Eyes

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