Superbusen Paula Irmschler

Paula Irmschler – Superbusen – Review

Nein, in “Superbusen”, dem ersten Roman von Paula Irmschler, geht es nicht um ihre sekundären, weiblichen Geschlechtsmerkmale. Es ist der Name der Band, die die Protagonistin Gisela mit ihren Freundinnen gegründet hat. Also damals, bevor sie von Chemnitz nach Berlin gezogen ist. In der Stadt, die jungen Leuten zwangsläufige Coolness und alle Freiheiten dieser Welt garantieren soll, findet sie allerdings nicht das gewünschte Glück. Das führt Gisela für einige Tage zurück nach Chemnitz, mitten in die Ausschreitungen von 2018. Dort findet sie zwar alte Bekannte, aber nichts erscheint ihr wirklich wie früher zu sein.

Wegziehen, wenn niemand wiederkommt

Mithilfe von Flashbacks begleiten wir Gisela zu diesem ganz speziellen Früher und erfahren, mit welchen Hoffnungen sie damals zuerst aus ihrer Heimatstadt Dresden nach Chemnitz gezogen ist. Welche Träume mit dieser Stadt verknüpfte waren, die erst alle Türen für sie aufzuhalten schien. Chemnitz, eine Stadt, die für Außenstehende hauptsächlich mit brauner Scheiße verknüpft ist. Der oberschlaue Bildungsbürger möchte doch am liebstem jedem, der noch dort wohnt, einen Orden für Zivilcourage verleihen. Was es wirklich bedeutet, dort zu wohnen, mit dieser Stadt verwachsen zu sein und gerne dort zu wohnen, kann man sich als naiver Wessi doch gar nicht vorstellen.

Gisela beschreibt die Abwanderungen ihrer Freunde, die nach und nach schleichend immer mehr werden. Und den Moment, wenn dann doch niemand zu Besuch kommt. Nicht nur, weil es in den “richtigen” Großstädten alles soviel besser ist, sondern manchmal auch, weil es einfach peinlich ist, dass man trotzdem dort gescheitert ist und noch immer nicht seinen Platz gefunden hat.

Lustig und inspirierend

Paula Irmschler gelingt es vorurteilsfrei und gleichzeitig bissig und trotzdem liebevoll zu beschreiben, dass man sich den Ort nicht aussuchen kann, an dem man sich zu Hause fühlt. Man kann ihn aber auch nicht auf alle Ewigkeiten einfrieren und muss dann damit klarkommen, wenn er sich verändert und unter Umständen auch einen neuen Platz finden. Oder dafür kämpfen, dass sich die Zustände wieder bessern. Gleiches gilt für Idole und geschönte Erinnerungen. Hinterher ist es meistens doch geiler. Noch geiler, als es jemals war. Genauso wie früher, weiß Gisela auch heute noch nicht so genau, wo sie eigentlich hin will. Nur war es früher weniger unangenehm und je mehr Leute im eigenen Umfeld auf den richtigen Pfad wechseln, umso offensichtlicher wird das angebliche Scheitern.

Viele versteckte Nebenmissionen

Ganz neben arbeitet sie in “Superbusen” immer wieder subtil heraus, dass Feminismus sich nicht ausschließlich auf die Rechte der Frauen beschränkt und den Abbau jeglicher Ausgrenzungen anstrebt. Checkt man kurz die veröffentlichten Fakten über Paula Irmschler, wird schnell klar, dass der Roman “Superbusen” auch starke autobiografische Züge hat. “Superbusen” ist selbstredend lustig geschrieben, alles andere wäre bei dieser Autorin auch befremdlich gewesen. Aber der melancholische und selbstkritische Unterton verleiht dem Buch Tiefe und zahlreiche Möglichkeiten, um die eigene Haltung zu einigen Dingen zu reflektieren.

Seiten: 320
Verlag: Claasen
ISBN-10: 3546100018
ISBN-13:  978-3546100014
VÖ: 28.02.2020

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