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Razzia – Am Rande von Berlin – Review

Die Hamburger Punkband RAZZIA meldet sich nach 28 (!) Jahren mit ihrem Album “Am Rande von Berlin” zurück. Alleine der instrumentale Opener “Nitro” wäre Geschenk genug gewesen, man erkennt das Original sofort an seinem besonders düsteren Schwermut. Es geht um Sozialneid nach unten, um die seelische und physische Sattheit vieler Menschen, um Angst vor Fremdem, abgekoppelte Politiker, um Vetternwirtschaft, um die allgemeinen Endlichkeit der Dinge und um die absurde Idee, Menschen unterschiedliche Wertigkeiten zuzuweisen.

Farbenfroh wie Kellerstaub

Die Texte auf dem Album “Am Rande von Berlin” sind genauso bissig und scharf beobachtet wie eh und je. Sänger und Gründungsmitglied Raja Thiele ist ein überragender Texter, der immer jedes Klischee gekonnt umschifft und vollkommen ohne peinliche Zeigefingerparolen auf den Punkt kommt. Es ist schon merkwürdig, dass RAZZIA eigentlich nie politisch motiviert waren und deren Bestandsaufnahmen doch treffender sind, als ein Großteil der Texte von den Bands, die es gerne sein möchten. Und gerade deshalb – weil hier niemand bewusst andere belehren oder bekehren möchte- regen Songs wie “Berchtesgaden”, “Willst Du das wirklich?” oder “Nicht in meinem Namen” viel eher zum Nach- und Umdenken an.

Das alte Kind ist erwacht und durchstreift verwirrt die Nacht

Punk, das verbinden viele Außenstehende fälschlicherweise mit Rebellion, Aggression, vier Akkorden und einer grundsätzlich destruktiven Haltung. Wegen RAZZIA verbinde ich Punk mit starken Emotionen wie Mitgefühl, Melancholie und tiefer Traurigkeit. Brachial waren RAZZIA nie, sind sie auch diesmal nicht. Bei den sanften Celloklängen von Friederich Paravicini und den verloren wirkenden Gitarrenklängen von Frank und Andreas in “Berchtesgaden” stellen sich automatisch die Nackenhaare auf.

Auch nach mehreren Durchläufen lassen sich noch Feinheiten, wie das provokante Schlagzeug in “Liebe Grüße aus dem Rotweingürtel”, die vielen Chöre (altmodisch für Singalong) oder das Basssolo von Peter Siegler in “Rezeptur der Angst” entdecken. Auch musikalisch ist “Am Rande von Berlin” wirklich äußerst gelungen und mitnichten belanglos. Die Frage, ob eine Band nach so langer Zeit und mit diesem Kultstatus überhaupt ein Album machen muss, erübrigt sich nach einem Durchlauf von “Am Rande von Berlin”. RAZZIA gehören weiterhin zu den besten und wichtigsten deutschsprachigen Punkbands.

Für Leute, die …
sich schon oft gefragt haben, was eigentlich aus dieser Franziska geworden ist.

Tracklist “Am Rande von Berlin” von RAZZIA

Nitro
Nicht in meinem Namen
Am Rande von Berlin
Berchtesgaden
Wenn die Stadt erwacht
Ein Hauch von Wandlitz
Jedem Ende Wohnt Ein Zauber Bei
Lauf, Junge Lauf
Liebe Grüße aus dem Rotweingürtel
Wer die Märchenstunde stört
Strasse der Kraehen
Der böse Frau
Willst Du das wirklich
Rezeptur der Angst

Dauer: 55:43
Label: Major Label (Broken Silence)
VÖ: 29.03.2019

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