Lest die Review zu "Wir Ahnen Böses" von TISCHLEREI LISCHITZKI bei krachfink.de

Tischlerei Lischitzki – Wir Ahnen Böses – Review

Was “Wir Ahnen Böses” von TISCHLEREI LISCHITZKI aus Lüneburg schwer verdaulich macht, sind nicht nur der Bandname und das Artwork der Platte, beides löst bei mir Bauchschmerzen aus, sondern die schonungslose Trostlosigkeit. Wie man sofort erkennen kann, beschäftigt sich die Punkband vorrangig mit Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus. Alles per se keine Themen mit Vergnügungssteuerpflicht. Spuren davon suchen und finden TISCHLEREI LISCHITKI gestern und heute.

Im Opener “Konzertanfrage”, die Gitarren greifen das Phantom der Oper Thema auf, geht es um die simple Nachfrage, nach den anderen Bands, die da noch so spielen und der zwingenden Verweigerung, falls die auch nur im Ansatz grau sind. Wie oft jetzt eine eindeutig linke Band wie TISCHLEREI LISCHITZKI in die Verlegenheit kommt, weiß man nicht.

Warum muss ich das erklären?

“Wir Ahnen Böses” scheint sich eigentlich an die Zukunft zu richten, die leider brauner aussieht, als man denkt. Aber TISCHLEREI LISCHITKI halten sich nicht mit Nazis-raus-Rufen auf, sie benennen die Zustände, und zwar mit drastischen Beispielen von Schicksalen. Das liegt alles schwer im Magen, die Gitarren senden Daueralarm und der Sänger kippt auch häufig ins Schreien, bemüht sich nicht um griffige, versöhnliche Melodien. Stellt sich die Frage nach dem Warum. Also warum sollte man das hören? Abgesehen davon, dass wegschauen auch nichts bringt, sind die dunklen Kompositionen überraschend vielseitig, haben oft sogar einen doomigen Anstrich und interessante Classic-Rock-Momente (“Feuer”).

Das mit “28463” betitelte Instrumental steht mahnend im Raum, lässt einfach mal Zeit, um sich zu verdeutlichen, was es bedeutet, dass Menschen zu Nummern gemacht wurden. Und bedauerlicherweise weiterhin werden, denn “Blickdicht” greift zynisch den Fakt auf, dass wir heute an mehreren Grenzen mit Geflüchteten genau das Gleiche tun.

Harter Tobak

Auch wenn Melancholie ein zu schwacher Ausdruck ist, genau die authentische Niedergeschlagenheit macht die Musik stark. Weit entfernt von Einszwei-Punk musizieren TISCHLEREI LISCHITZKI ansprechend (“Kein Vergeben”), bauen interessante Spannungsbögen ein, rütteln mit heftigen Hardcore-Einflüssen an unseren Gewissen und trauen sich auch an längere Songs. Ob das jetzt das richtige ist, um die dunkle Jahreszeit einzuleiten, müssen alle selbst entscheiden.

Dauer: 29:25
Label: Elfenart Records
VÖ: 01.10.2021

Tracklist “Wir Ahnen Böses”
Intro
Konzertanfrage
Feuer
Feldpost
Kein Vergeben
28463
Blickdicht
Familiengeschichte
Outro

Artikel, die Dich interessieren könnten:
SCHERBEN- Domestiziert
Podcast Folge 89 mit POGENDROBLEM zu “Alles was ich noch habe sind meine Kompetenzen”
POGENDROBLEM lassen das “Shirt an”
MOLOCH – Nur Motten nennen es Licht
POGENDROBLEM – Alles was ich noch habe sind meine Kompetenzen 
Podcast Folge 82 mit GOLDZILLA über “Goldzilla vs. Dortmund”
RAZZIA – Am Rande von Berlin
SLIME – Wem gehört die Angst?
Podcast Folge 51 mit Costa von SONDASCHULE zum Album “Unbesiegbar”
GROW GROW – Lichterloh
PUNK ROCK HOLIDAY veröffentlichen Festivaldokumentation
ANNA ABSOLUT – 2×3
KAUFKRAFT – Rotzpop
AKNE KID JOE – Die große Palmöllüge
RADIO HAVANNA – Veto
TURBOSTAAT – Uthlande
Interview mit Sebi von RONG KONG KOMA zu “Lebe Dein Traum”
KAPTAIN KAIZEN – Alles Und Nichts
GOLDZILLA – Goldzilla vs Robohitler
LOVE A live in der Oetinger Villa in Darmstadt am 06.03.2020
Gemischte Tüte mit AKNE KID JOE
DAYS N’DAZE – Show Me The Blueprints
TRIXSI – Frau Gott
KOMMANDO KANT – Aussterben ist ein schönes Hobby
NOFX / FRANK TURNER – West Coast Vs. Wessex
LEITKEGEL – Bis zum Ende (EP)
TURBOBIER – Live in Wien
Interview mit DEUTSCHE LAICHEN zur EP “Team Scheiße”
FAHNENFLUCHT – Weiter Weiter
LOSER YOUTH – Warum haust du dich selbst?
DONOTS – Birthday Slams Live! – Review
SWAG BOY ALEX – Hubschrauber und Dinosaurier

TISCHLEREI LISCHITZKI bei Bandcamp

Ein Kommentar

  • Eine wirklich unheimlich gut gemachte Platte! Soweit ich informiert bin, bildet das Artwork das Archivmaterial ab, anhand der die Band diese teilweise eigene und länger zurückliegende Familiengeschichte aufgearbeitet hat. Von den Erkenntnissen dieser Recherche ist dann vieles in die Texte geflossen. Ich finde, was die ganze Platte und die Texte so wertvoll macht, ist genau wie Du sagst die konsequente Reflexion von Täter- und Opferperspektiven. Beides gehört sehr eng zusammen. Andere hätten sowas vielleicht mit gleicher und genauso vernünftiger Überzeugung gemacht, hätten aber – nur so eine Ahnung – den Fehler gemacht, dass es sich nur in ein Abspulen von Parolen ergeht, die hauptsächlich sehr bequem sind, wenn man sie raushaut, weil man sich auf der richtigen Seite wähnt. Mit dieser Platte und den Texten geht die Band für meine Begriffe aber noch etwas weiter. Ich hatte sofort selbst den Impuls, mich mit der Geschichte meiner Familie zu beschäftigen und zu schauen, was die Menschen dort unter dem NS-Regime gemacht haben, wozu sie gezwungen waren, was sie erlitten haben, wobei sie wegeschaut oder mitgemacht haben. Diese Platte fordert zur Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Vergangenheit auf. Und das hat die Band wirklich beispiellos hinbekommen, diesen Impuls in Menschen zu setzen.

    Und leider: Selbst als dezidiert linke Band wie Tischlerei Lischitzki besteht permanent das Problem, dass Veranstaltende – woher auch immer – auf die Idee kommen, solch eindeutig links positionierte Bands mit rechten bis rechtsoffenen bzw. gänzlich unpoltischen Bands zu buchen. Das ist leider Zeitgeist. Das geht sehr schnell und wenn Du wie Tischlerei Lischitzki, die aus Lüneburg kommen, nicht grad in der Szenehochburg einer Großstadt wohnst, musst Du mehr noch regelmäßiger darauf aufpassen, wer dich buchen will oder wer da anfragt, als Dir lieb ist. Der einzige stabile Laden in Lüneburg, der was taugt und sich konsequent gegen Rechts engagiert, ist das A&A. Das war es dann aber auch schon fast meines Wissens…

    Danke für diese Review, die der Band nochmal das Gehör gegeben hat, das sie durchweg verdient!

    P.S.: In Trust #212 gibt es auch ein längeres Interview zur Platte, wo Ralf, der Sänger der Band, selber noch einmal viel zur Entstehung des Ganzen gesagt hat: https://trust-zine.de/trustindex/heft.php?nr=212

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert