Thomas Hettche Herzfaden Artwork

Thomas Hettche – Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste – Review

In seinem neuen Buch “Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste” erzählt uns der Schriftsteller Thomas Hettche die Geschichte des berühmtesten Puppentheater Deutschlands. Während des Krieges gründete Walter Oehmichen, gemeinsam mit seiner Tochter Hatü und deren Freunden, die Puppenkiste. Wobei sein Plan erst beim zweiten Mal funktionierte, den ersten Anlauf machte er bereits 1943 und nur ein Jahr später wurde das Puppentheater durch einen Bombenangriff zerstört. Was später also mehrere Generationen von Kindesbeinen an, bis ins Erwachsenenalter begeisterte, war damals nicht nur eine Flucht aus der schrecklichen Realität und eine gute Möglichkeit Geschichten zu erzählen. Es war auch ein beharrlicher Widerstand und eine Möglichkeit mit Kunst dagegen zuhalten.

Gegenwart ist Vergangenheit

Das Buch “Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste” startet in der Gegenwart. Ein kleines Mädchen gerät nach einem Besuch in der Puppenkiste durch eine verborgen Tür in eine Art Zwischenwelt. Dort trifft sie Hatü und eine Vielzahl bekannter Marionetten. Von da an wechselt Thomas Hettche zwischen zwei Erzählsträngen, die er auch farblich abhebt wie bei “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende, der auch einen realen Bezug zum eigentlichen Stoff hat. Der zweite Erzählstrang handelt von der Entstehung der Puppenkiste und führt uns zurück in die Kindheit von Hatü und ihrer Familie. Die Puppenschnitzerin brannte von Anfang an für ihre von Hand erstellten Geschöpfe und das kleine Theater. Selbst später, als die Augsburger Puppenkiste anfing erste TV-Produktionen zu inszenieren, wurde sie damit nicht richtig warm.

Ein bisschen Zauber

Hettche nimmt sich einerseits künstlerische Freiheiten, beschreibt aber auch wahre Begebenheiten. Der Autor Michael Ende darf bei einem Treffen mit Hatü seine ganz eigene Haltung gegenüber dem Erwachsenwerden verkünden: “Ich wehre mich einfach dagegen, zu werden, was man einen richtigen Erwachsenen nennt. Eines jener entzauberten, banalen, aufgeklärten Krüppelwesen, das in der entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert.” Und genau den hier angesprochenen, überlebenswichtigen Zauber, konnte die Augsburger Puppenkiste über mehrere Jahrzehnte erhalten.

Gegenwart ist Vergangenheit, eine Feststellung, die uns im Buch häufiger begegnet. Hettche erzählt die Vergangenheit im Präsenz und die Gegenwart im Präteritum. Ein Kniff, der erst am Ende Sinn ergibt. Die Erfahrung mehrere Nächte im Bunker verbracht zu haben, legt man nicht einfach ab. Genauso wenig wie die Erinnerung an vorbeifahrende, bekannte Gesichter und die nachträgliche Gewissheit über deren den Tod bringendes Ziel. “Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste” von Thomas Hettche ist, obwohl es größtenteils in der Kriegszeit spielt, trotzdem ein warmes Buch. Auf schmerzliche Art und Weise wird einem bewusst, dass vieles was wir als schön und traditionell wahrnehmen, eng mit dem Schrecken und den Ängsten während der Nazizeit verknüpft ist. Das fängt bei dem Wunsch nach kindlicher Ablenkung an und endet bei der angsteinflößenden, ersten Gestaltung des Kasperl. Leise aber deutlich lässt Hettche anklingen, dass es zwar nicht ausschließlich stramme Nationalsozialisten gab, aber das Schweigen über lange Jahre dominierte.

An der Faszination für Jim Knopf, das Urmel, den Kleinen Prinzen, Kater Mikesch oder den Kasperl ändert das natürlich nichts. Im Gegenteil, der wird befeuert und Hettche arbeitet heraus, dass Realität und Märchen eng verbunden sind, ja sogar unweigerlich zusammen gehören. Aktuell ist die Augsburger Puppenkiste leider wegen Corona geschlossen, es wird weiterhin von Hatüs Sohn geleitet. Schreibt euch mal einen Besuch dort auf eure Nach-Corona-machen-Liste!

Seiten: 288
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10:  346205256X
ISBN-13: 978-3462052565
VÖ: 10.09.2020

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