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Johan Harstad – Max, Mischa und die Tet-Offensive – Review

Der Roman „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad ist eigentlich überhaupt kein Buch, das in diese Zeit passt. Mit 1.248 Seiten wendet sich der norwegische Schriftsteller nicht nur bewusst gegen die immer weiter sinkende Aufmerksamkeitsspanne. Im Gegenteil, mit seinem jahrzehnteumspannenden Roman beansprucht er sogar unser wichtiges Gut. Er belohnt den Leser dafür aber auch mit detaillierten Beschreibungen, die so realistisch wirken, dass man sich mehrfach vergewissern muss, dass es sich tatsächlich um reine Fiktion handelt. Es geht um Max, der im norwegischen Stavanger geboren ist und ein unbändiges Interesse für den Vietnam-Krieg hegt. Auch wenn er selbst nie in diesen Krieg ziehen musste, ist der doch ein stiller Begleiter seines Lebens, erreicht ihn immer wieder über Verzweigungen und prägt vieles was mit ihm passiert. Wir lernen ihn als Jugendlichen kennen, durchleben mit ihm Unsicherheiten und sind Zeuge seiner stetigen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte.

Ein Buch über Kunst, Liebe und Krieg

Über Umwege verschlägt es Max ungewollt nach Amerika, die Entwurzelung fällt ihm erst schwer und holt ihn im Laufe seines Leben auch immer wieder ein. Er erlebt 9/11 und wohnt im Apthorp in New York, ein Großteil des Buches beschreibt die die realen Entwicklungen in New York in Bezug auf kulturelle, strukturelle und demografische Veränderungen. Johan Harstad vermengt seine Erzählungen rund um Max in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ immer wieder mit realen Ereignissen und Plätzen. In Kombination mit seinen ungewöhnlich nahbaren Schilderungen der Charaktere, deren Emotionen und Schicksalen, macht er damit die Fiktion ein stückweit zur Realität. Man fühlt sich als stiller Beobachter der Geschichte, der großen und der kleinen. Im Gegensatz zu anderen Büchern, fühlt man ganz schnell stark mit den Hauptfiguren verbunden, sodass man auch nach kurzen Pausen sofort wieder am richtigen (emotionalen und zeitlichen) Punkt des Romans einsteigen kann.

Harstad mach kleine Dinge groß

Dabei stürzt sich Harstad nicht nur auf tatsächliche Sensationen, er widmet sich den kleinen Dingen genauso intensiv und detailliert. Ohne zu viel zu spoilern – Max widerfahren grundsätzlich die Dinge, die vielen Leuten passieren. Er verliebt sich in die ältere Künstlerin Mischa, die Verbindung prägt ihn und bestimmt seine Entwicklung mit. Er wird vom Teenager zum Mann, gewinnt dadurch dazu und verliert auch vieles. Abgesehen von der Intensität, hat mich an „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ besonders beeindruckt, dass Johan Harstad es geschafft hat, mir Themen zu vermitteln, die mich eigentlich nicht interessieren. Selten habe ich bei einem Buch so häufig nachgeschlagen, so viel Wissen und neue Erkenntnisse für mich mitgenommen. Detailliert berichtet er vom Vietnam-Krieg und dessen Folgen. Auf der anderen Seite berichtet er genauso kleinteilig vom Theater, von bildender und ungewöhnlicher Kunst.

Tiefe Verbundenheit

Die zentralen Punkte von „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ sind Kunst und Krieg. Johan Harstad lässt diese beiden Gegensätze subtil und behutsam ineinanderrennen, macht sie zur Metapher für das Ying und Yang jedes Einzelnen. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist aber vor allem ein Buch über Liebe. Liebe zu anderen, Liebe zum Leben, Liebe zu Orten, Liebe zu Gewohnheiten und Liebe zu sich selbst. Bei einem Roman, der sich einem so langen Zeitraum widmet, ist es auch unvermeidbar, dass „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ein Buch über Verlust, Veränderungen und Endlichkeit ist. Die 1.248 Seiten darf man also als Garant für Tiefe und Nachhaltigkeit verstehen und sollte sich davon nicht abschrecken lassen. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist ein nachhallendes Buch, das man am Schluss hinauszögert, weil man weiß, dass man mit der letzten Seite die Figuren für immer verloren hat und loslassen muss.

Seiten: 1.248
Verlag: Rowohlt Buchverlag
ISBN-10: 3498030337
ISBN-13: 978-3498030339
VÖ: 26.03.2019

Lieder, die in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ vorkommen.

Deutlich kürzer, aber nicht minder beeindruckend ist das wahre Schicksal von Wendy Mitchell, nachzulesen in dem Buch “Der Mensch, der ich einst war”.

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