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Chaoze One – Venti – Review

Rapper, Autor und Theaterschauspieler, so umreißt man den Musiker CHAOZE ONE und über sein aktuelles Album “Venti” sagt das nicht annähernd etwas aus. Würde es nicht so abgeschmackt klingen, dann könnte man ihn einen Liedermacher nennen, oder noch besser einen Geschichtenerzähler. Allerdings geht er nicht fiktiv vor, sondern eher schonungslos realistisch. Jeder Song ein Leben. “Venti” ist sicher kein leicht zugängliches Standardalbum. Dazu ist es viel zu prall gefüllt, mit musikalischen und gedanklichen Ideen von einem, dessen Herz und Geist nicht still stehen können. Getrieben von dem Anspruch, alles zumindest ein bisschen mehr zu verstehen und die Welt etwas besser oder zumindest nicht wesentlich schlechter zu machen.

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CHAOZE ONE, 2021 Foto von Giulia Vitali

Wir machen’s von heute an gut

Mit dem Opener “Memento Moria / Die Welt brennt” eröffnet CHAOZE ONE sein Album. Schonungslos und mit einem sehr feinen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge, legt er uns die ganze Bosheit der Welt vor die Füße. Jetzt wisst ihr es, was macht ihr nun mit dieser Erkenntnis? “Venti” fordert die Hörer*innen, beißt sich fest und lässt einfach nicht los. Musikalisch ist das deutlich mehr als Rap, wirkt aufgrund der vielen Featuregäste und der unterschiedlichen Stile (wie Reggae, Crossover und Hip Hop) schon fast wie eine kleine Weltreise (“Daloy Politsey”, “Ich hab das Meer gesehen”, “Santa Maria”). Wer etwas sieht erlebt, ist danach schlauer, so heißt es im Volksmund. Die Erkenntnis von “Venti” ist, dass es sie überall gibt: Die Schattenboxer, die Schwarzmaler, die unverbesserlich Liebenden, die Enttäuschten und die Idealisten.

Jedem sein Paradies

Wenn CHAOZE ONE ein schönes Gefühl erspürt hat, dann kann er schwer loslassen. Deshalb stechen wir mit dem maritimen “Ausguck” auf lange Fahrt, lassen uns treiben von dem kurzen Moment der Hoffnung, mit dem Akkordeon im Rücken. “So weit von Zuhause” fühlt sich an, wie eine Halbtageswanderung und sorgt tatsächlich für Fernweh. Auch das Skit “Kapitalimus” hätten die meisten gestrichen, außer man ist eben detailverliebt und hat eine Vision für ein Album im Kopf. In Songs wie dem kleinteiligen “Vive l’utopie” wird klar, dass wir es bei Jan mit jemandem zu tun haben, der nicht anders kann. Einem, der eine Fackel in seinem Herzen trägt und nicht damit aufhören wird, andere mit seinem Idealismus anzuzünden. Wer an “Venti” jetzt tatsächlich Maßstäbe wie Reimform oder Delivery anlegt, der hat leider überhaupt nichts verstanden. Das mehrfach besungene Meer ist als Metapher zu verstehen, als den Wunsch abzuhauen und auf den vielen Tropfen, die ein friedlich agierendes Ganzes bilden, in die Ewigkeit getragen zu werden. Oder auf die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Meer. Sehnsuchtsort für die Einen, Todesfalle für die Anderen.

Euer Deutschland macht mir Angst

Mit “Get the fuck up – Das bisschen Totschlag” legt CHAOZE ONE seine deftige Version von den FANTAs “MfG” vor. Eine Aneinanderreihung von Tatsachen und offensichtlichen Zusammenhängen, die mir ehrlich gesagt auch Angst machen. Und man merkt deutlich die musikalische von CHAOZE ONE Sozialisierung in den Neunzigerjahren. Eine Verbeugung in Richtung ADVANCED CHEMISTRY und TORCHE, bisschen NOSLIW und etwas von den ersten, guten Platten von GENTLEMAN. Aufgrund der angebotenen Breite, kann wahrscheinlich nicht alles auf “Venti” alle begeistern. Wobei das immer nur für die Musik oder den Text gilt, denn eines von beiden kickt immer. Der Deutschrock-Charme von “Häuser vs. Träume” irritiert mich erst, letztendlich passt er aber doch zu dem betäubenden Spießertum, das hier benannt wird.

Mehr als Hip Hop

“Wüste des Vergessens” ist ein wunderschöner Song, der nach mutig nach vorne stapft oder mit der Faust auf die Brust schlägt, weil das angeblich Angst verschwinden lässt? Klavier, Akustikgitarre und Streicher unterlegen den Text, in dem CHAOZE ONE einmal quer durch die Momente mit seiner Mutter fliegt. Es ist so tragisch, dass man sich am Ende nur an verhältnismäßig wenige, konkrete Momente erinnert. Aber das Gefühl dazwischen, auf das es wirklich ankommt, das wurde hier in Töne gegossen. Hip Hop ist das mit Sicherheit nicht, stattdessen viel mehr.

Dauer: 1:10.24
Label: Grand Hotel Van Cleef
VÖ: 16.07.2021

Tracklist “Venti” von CHAOZE ONE
Memento Moria
Schwarzmaler
Ausguck
Patronen aus Schuld
Get the fuck up – Das bisschen Totschlag
Häuser vs. Träume
Dass es besser wird
So weit von Zuhaus
Unverfügbar Interlude
Schattenboxen
Wüste des Vergessens
Kapitalismus
Vive L’utopie
Daloy Politsey
Ich hab das Meer gesehen
Santa Maria
Frei & Geborgen

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