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Interview mit Schubsen zum Album “Das Öffnen der Visiere”

Man kann es sich verdammt leicht machen und für den düsteren Post-Punk von SCHUBSEN die immer wieder gleichen drei Referenzbands heranziehen. Und dann sofort enttäuscht sein, weil SCHUBSEN doch anders klingen als TURBOSTAAT, LOVE A und PASCOW und Sänger Krupski vielleicht gar nicht geplant hatte, als Jens-Rachut-Double anzutreten. Stattdessen lohnt es sich mal hinzuhören, auf die ungewöhnlichen Songstrukturen und die verschachtelten Texte von “Das Öffnen der Visiere” zu achten. Die Situation ist verfahren und die Probleme scheinen komplexer, beides spiegelt sich musikalisch und inhaltlich auf der Platte wieder. Krupski und Friedo gaben Auskunft über die wahrscheinlich ambitionierte Platte, die SCHUBSEN bisher veröffentlicht haben.

Der Kern der “Sprachfetzen”-EP war die Beeinflussung von und durch Sprache, was ist jetzt der Kern von “Das Öffnen der Visiere”?

Krupski: Der Kern ist: Was stellen gesellschaftliche Krisen mit dem Innenleben von Menschen an? Was passiert da? Was könnte sich verändern, wenn Menschen ihr Inneres, also vielleicht ihre Einstellung oder Sichtweisen ändern und welchen Einfluss könnte das dann auf ihre Umgebung haben? Das hat mich beschäftigt, als ich die Songtexte geschrieben habe, in einer Zeit, die voll war mit Veränderungen und Krisen. Und das tut es immer noch. Es ist ja schließlich nicht vorbei.

Um es vielleicht mit einem Wort zu beschreiben: Es geht um Durchlässigkeit.

Erzählt mir etwas zu dem Artwork, das auf mich eine beunruhigende Wirkung hat. Ich denke, das ist nicht der Wohnraum von einem von euch, oder?

Krupski: Ja, das ist der Wintergarten unseres Proberaums, in dem wir seit Jahren hausen. Spaß! Nein, leider nicht. Das Foto auf dem Cover ist 2022 in den schlichten Räumlichkeiten eines Museums in der georgischen Stadt Kutaissi entstanden, als ich da Urlaub gemacht habe. Es ist schön, dass du nach dem Cover fragst, weil wir uns lange dazu Gedanken gemacht haben, was zu den Inhalten und der Musik passen könnte. Und die Stimmung des Bildes und die möglichen Wege, vielleicht auch der Blick von Innen nach Außen und andersherum, passen bestens zu den Kernthemen der Platte.

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Es gab einen Line-up-Wechsel bei euch, mit Conz gibt es einen neuen Schlagzeuger und Rev spielt jetzt Bass, waren sie schon am Albumprozess beteiligt und wie hat das die Stimmung innerhalb der Band verändert?

Friedo: Conz und Rev sind erst nach den Aufnahmen zur Band gestoßen. Conz ist schon einmal auf einer Tour 2019 für Tornado am Schlagzeugeingesprungen und so war der Grundstein bei ihm schon gelegt, Rev ist quasi ganz neu bei uns. Beiden haben wir die Aufnahmen bzw. Guidespuren des Albums vorgespielt und sie hatten glücklicherweise Bock, einzusteigen und die Songs mit uns Live zu präsentieren. Als wir Anfang des Jahres 2023 vom Ausstieg von Tornado (Schlagzeug) und Habbe (Bass) erfahren haben, hat uns das beide erstmal ziemlich geschockt. Trotzdem war schnell klar, dass wir die bis dahin bestehenden Skizzen nicht einfach wegwerfen wollen.

Bis zum Aufnahmetermin waren dann noch gut fünf Monate Zeit, die Skizzen aus- bzw. umzuarbeiten und weitere Songs zu ergänzen, damit eine LP daraus werden kann. In dieser Zeit hatten sowohl Robbie als auch ich immer mal wieder die ein oder andere Sinnkrise, in der wir das ganze Projekt infrage gestellt haben. Glücklicherweise war das nie bei beiden gleichzeitig der Fall, sodass der eine dem anderen immer wieder Kraft geben konnte. Trotzdem mussten wir viel Zeit und Energie aufbringen bis schließlich das Öffnen der Visiere entstehen konnte. Jetzt sind wir aber sehr froh und glücklich.

Der Basslauf vom Opener “Leben in Schleifen” hat mich extrem an das Lied von der TV Serie Rappelkiste erinnert, war das Absicht? Für mich wirklich eine der ersten “punkigen Momente” in meinem Leben, die Zeilen habe mich damals als kleines Mädchen schon angestachelt.

Friedo: Ich musste jetzt erstmal auf YouTube den Song anhören, ich kannte den gar nicht – es war also keine Absicht. Manchmal beeinflussen einen ja aber so Geschichten aus der Vergangenheit schon, auch wenn es einem nicht bewusst ist. Bei mir entstehen die Songideen oft so, dass ich eine Basslinie im Kopf habe und dazu dann die Gitarre mache. Oder eine Gitarrenmelodie, zu der dann der Bass entsteht. Woher die Ideen im Konkreten kommen, würde ich auch gerne wissen. Manchmal gehe ich schon mit einem Gefühl bzw. einer Atmosphäre ran, die ich im Kopf oder Bauch habe und die ich dann gerne irgendwie umsetzen würde. Warum das aber dann in dem mündet, was am Schluss daraus entsteht, weiß ich nicht.

Die Zeiten scheinen härter geworden zu sein, statt einem SCHUBSEN braucht es jetzt vielleicht mehr Radikalität, noch deutlichere Worte. Merkt ihr das in eurer Musik und euren Texten oder beeinflusst das gesellschaftliche Klima eure sowieso schon meinungsstarke und schroffe Musik?

Friedo: Ich denke, bei Kunst im Allgemeinen ist es ja schon so, dass bestimmte Wahrnehmungen durch den Künstler oder die Künstlerin in das jeweilige Medium transformiert werden. Ob das jetzt ein Text, ein Bild eine Skulptur oder Musik ist. Ich denke, niemand kann sich von äußeren Einflüssen freisprechen. Ich würde also daher sagen: Ja, mindestens unbewusst.

Krupski: Mich beeinflusst das Klima sehr stark, darum geht es ja auch schließlich bei der Platte, wie wir schon eingangs gesagt haben. Und klar braucht an einigen Stellen klarere Worte und Maßnahmen, wie zum Bespiel in der Hate-Speech Debatte, dass da mit konkreten Reglungen im Internet darauf reagiert wird. Das ist nur ein Beispiel von ganz vielen und es würde den Rahmen sprengen, jetzt hier über alle zu sprechen. Ganz allgemein gesagt, ist es meiner Meinung nach wichtig, nicht zu vergessen, dann trotzdem eine Diskussionskultur zu beachten, sonst verfällt man eben schnell auch in die Muster, die man selbst kritisiert.

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Das “Haus der Gewalt” ist ein etabliertes Modell zur Gewalteskalation, wo genau seht ihr hier Parallelen in der Gesellschaft?

Krupski: Der Songtext ist ein abstrakter Versuch die unterschiedlichsten Formen von Gewalt, vor allem aber die unterschwelligen, die versteckten, aufzuzeigen. Und wie diese in ganz alltäglichen Gegebenheiten, wie bspw. in der Verkehrs- oder Wohnungspolitik oder durch Institutionen zum Tragen kommen, und zwar so, dass dies schon so ganz elementar zum Leben der Menschen dazu gehört, dass sie es schon gar nicht mehr bemerken, was da eigentlich mit ihnen passiert. Wenn zum Beispiel immer mehr bürokratische Hürden aufgestellt werden und soziale Teilhabe erschwert wird oder Gesetze den Menschen mehr schaden, anstatt ihnen zu helfen.

Wie schwer fällt es euch, die Waage zwischen der Musik und den Texten zu halten, sodass eines das andere nicht überlagert und somit abschwächt?

Friedo: Das ist natürlich immer ein wichtiger Punkt im Songwritingprozess. Wir versuchen das schon in dem Verhältnis zu schaffen, dass alles unter dem Motto der Songdienlichkeit läuft. Das ist manchmal schwerer, manchmal geht es fast von selbst. Schwierig wird es, wenn am Text nichts mehr abgeändert werden kann, ohne, dass eine Aussage verloren geht oder musikalische Parts bestimmte Längen benötigen, um wirken zu können. Viel gute Kommunikation und wenig Ego sind wichtig, wie eigentlich immer.

Wie verhält es sich mit dem Song “Muss ich denn immer alles sein”, ich finde, man kann ihn mehrfach interpretieren, als Untermalung für Überforderung, aber auch als Möglichkeit nicht zu allem eine Meinung haben zu müssen. Worum geht es euch da genau?

Krupski: In dem Song geht es darum, dass man jeden Tag verschiedenste Rollen(-bilder) mit sich herumträgt und diese sich so langsam in unser Handeln einschleichen, dass man dann irgendwann wirklich selber glaubt, dass man das und das machen muss, und so und so handeln muss. Und dann merkt man, dass man immer dann passgenau diese Rollen hervorzaubert, wenn man denkt, dass sie gefragt und scheinbar nützlich sind. Ein Trugschluss, wie ich mit dem Text ausdrücken wollte. Es geht um das fatale “Abliefern”, und um den Druck, dem wir dabei begegnen und mit dem wir ringen müssen, wenn man einfach mal keiner Rolle gerecht werden möchte.

Bei allem Respekt davor, eine eindeutige Haltung einzunehmen, aber mir stellt sich immer öfter die Frage, ob das für Bands nicht auch anstrengend ist. Ist euch manchmal nach einem locker leichten Song übers Blumenpflücken, braucht ihr keinen positiven Konterpunkt?

Krupski: Sehr gute Frage. Mit Blumen im Haar lässt es sich ja trotzdem prima wütend sein, über die Zustände, die uns daran hindern, einfach mal in Ruhe in der Wiese zu liegen.

Habt ihr Vorbilder im Hinblick auf euer jeweiliges Tätigkeitsfeld in der Band, wer oder was inspiriert euch?

Friedo: Die Frage kann und will ich gar nicht konkret mit irgendwelchen Namen beantworten. Oft wird ja ein hohes technisches Niveau bewundert, das aber für mich nur insofern entscheidend ist, so lange es nicht auf Kosten der Seele und des Ausdrucks des Stücks geht, also nur zum Selbstzweck präsentiert wird. Das kann ich nur respektieren aber nicht teilen. Für mich ist dann eine Band oder ein*e Musiker*in gut und dient mir als Vorbild, wenn er*sie es schafft, eine Atmosphäre und Spannung zu erzeugen.

Krupski: Ich schließe mich da Friedo an. Und natürlich lese ich unterschiedlichste Autor*innen und höre viel Musik, beschäftige mich mit den aktuellen Ereignissen. Aber meine Inspiration kommt eigentlich aus dem alltäglichen Wahnsinn, der uns doch auf gewisse Weise alle irgendwo umgibt.

Kurze Antwort auf die Abschlussfrage: Visier auf oder zu und warum?

Krupski: Das ist die Frage. Es gibt so viele unterschiedliche Situationen im alltäglichen Leben …. grundsätzlich würde ich aber für “Auf” plädieren.

Friedo: Visier auf. Scheuklappen haben noch nie etwas vorangebracht.

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