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Interview mit Moritz von Hysterese zum vierten Album

Nach meinem Empfinden hat sich einiges bei euch verändert, alles ist kompakter und ich habe den Eindruck, dass er euch deutlich mehr auf den Kern konzentriert und sicherer im Umgang mit Refrains geworden sein. Wo seht ihr Veränderungen und woran habt ihr ggf. auch konkret in den letzten Jahren gearbeitet?

Hysterese st Artwork
HYSTERESE – Artwork, 2021

Was sich definitiv geändert hat, ist unser Umgang mit Scham. Wir dürften mittlerweile die gröbsten Fetzen verschleppter Teenage Angst endlich abgewetzt haben. Wir sind also in der Lage uns Zeit zu lassen. Wir schreiben mit mehr Ruhe. Früher haben wir in verlegenen Momenten die Flucht nach vorn angetreten. Heute können wir Verlegenheit aushalten, zurücktreten, sie anschauen, drüber reden und alles in allem reflektierter damit umgehen. Die Ultima Ratio ist nicht immer nur Sturm und Drang. Das bringt mehr Luft und vielleicht auch Größe in die Kompositionen. Früher war viel Zetern und Klagen. Das ist heute immer noch da, aber ein gewisser Stolz und Stabilität sind dazugekommen und das verändert die Grundstimmung ganz erheblich, wie wir finden.

Welchen Anspruch habt ihr an eure handwerklichen Fähigkeiten, ihr spielt jetzt nicht gerade 1,2,1,2- Punk, ist es euch wichtig auch an den Instrumenten selbst besser und ausdrucksstärker zu werden?

Wie “gut” jemand am Instrument ist, war schon immer dritt- bis vierrangig. Wenn am Ende etwas passiert, das Songdienlich ist, ist der technische Aufwand, der dafür zu betreiben war komplett wurscht.

Im Video zu “Call Of The Void” sieht man, wie euer Bandname in plastischer Form, in Feuer verbrennt und generell stellt ihr euch als Personen in den Hintergrund und lasst die Musik sprechen? Darf man das als Mystifizierung oder bewusste Verknappung verstehen oder habt ihr auch einfach keinen Bock auf Social Media und (aufdringliche) Werbung?

Für unsere Begriffe macht Chris von This Charming Man zum neuen Album richtig fett Werbung, würde ich sagen! Das mit “Call Of The Void” ist eher einem gewissen Pragmatismus geschuldet und dahingehend keine Absicht, warte mal auf das Burning Video, haha. Wir haben unseren Lieblingsartworker und Tätowierer Tante Jo tatsächlich im Vorbeigehen gefragt, ob er nicht schnell ein Video machen kann, weil wir flott eins brauchen. Ob er nicht einfach was abfackeln kann, habe ich völlig unverbindlich vorgeschlagen. Zack bumm, war’s fertig.

Wie konsumiert ihr selbst Musik als Fans? Seid ihr große Sammler*innen von Sondereditionen, Merch und an Details interessiert?

Nein, ich kaufe immer Standardversionen. Mir ist wichtig, dass das PVC gut abspielt und die Pappe dick ist. Wenn die Platte liebevoll gemacht ist, ist das natürlich schön. Unterwegs hören wir alle mit Spotify Premium. Ich kann das Spotify Bashing nicht verstehen. Ich kenne nicht eine Person, die seit Spotify weniger Platten kauft. Im Gegenteil. Ich persönlich kaufe mehr, weil ich mich nicht mehr nur auf Katalogtexte verlassen muss. Und ich kenne mehrere Leute, die ähnliches berichten. Die Leute, die ich kenne, kaufen feste Tonträger, wenn’s digital gefällt. Wir haben alle viele Bandshirts.

Von Album zu Album erscheint ihr mir düsterer, ich mag das sehr. Seid ihr, im Hinblick auf das Dark in eurer Genrebezeichnung, komplett offen oder gibt es eine gewisse musikalische Grundbasis, die ihr auf keinen Fall verlassen möchtet?

Welche Genrebezeichnung? Wir sind eine Rockband. Soweit ich weiß, mag niemand von uns Off-Beat spielen.

In welcher Situation seid ihr am kreativsten, gibt es eine bestimmte Tageszeit oder ein bestimmtes Setting, das euch zu diesem stetig dunklen Grundtenor inspiriert?

Ich fürchte solche Gedanken haben in unserem Leben keinen Platz. Wir spielen Musik, wenn es Zeit und Energiehaushalt zulassen, wenn sich Freizeit ergibt und sich eine Probe in die Woche quetschen lässt.

Mein Lieblingssong vom Album ist “Dead Dog”, ich mag diesen Spannungsbogen und den Eindruck, dass die Musik irgendwann das Ruder übernimmt und fast eine Art Eigenleben bekommt. Letztendlich muss es natürlich im besten Fall auf beiden Seiten passen, aber in welchem Punkt könnt ihr euch mehr verkünsteln, was hat für euch mehr Gewicht und was fällt euch leichter: Musik oder Texte?

Wir beginnen immer mit der Musik. Der Text kann thematisch schon irgendwo stehen, wird aber immer auf den vorher festgelegten Silbensatz ausformuliert.

Es gibt sehr oft Chöre, die sich teilweise überlagern, das macht alles nochmals dichter und somit komplexer. Wann genau fügt ihr das dazu, ist das intuitiv oder Teil der Ausgangsidee?

Die besonders komplexen Mehrstimmigkeiten denkt sich Helen aus. Zu meiner ständigen Verblüffung kann sie sich mehrere Melodie- und Rhythmuslinien gleichzeitig vorstellen.

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