Lest die Review zu "Meine Freundin Anne Frank" von Hannah Pick-Goslar bei krachfink.de

Hannah Pick-Goslar – Meine Freundin Anne Frank – Review

Die Tatsache, dass man Hannah Pick-Goslar zuhört, wenn sie von ihren Erfahrungen während des Holocausts berichtet, liegt darin begründet, dass sie in “Meine Freundin Anne Frank” von ihrer Freundschaft mit der posthum bekannt gewordenen Tagebuchschreiberin berichtet. Das war der mittlerweile verstorbenen Autorin und Aktivistin immer bewusst, sie nutzte diese Besonderheit, um mit ihren Erlebnissen dafür zu sorgen, dass “Nie wieder” nicht zur Floskel verkommt. Letztendlich steht das, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist, aber schon für sich alleine als eines von zig Beispielen der grausamen Nazi-Herrschaft und ein doppelt unterstrichenes “Nie wieder!”

Eine kurze Kindheit

Hannah flüchtet mit ihren Eltern schweren Herzens in die Niederlande, nachdem die Gefahr für jüdische Menschen in Deutschland immer größer wird. Dort trifft sie relativ schnell auf Anne Frank und ihre Mutter, die den gleichen Weg aus den gleichen Gründen eingeschlagen hat. Die beiden freunden sich sofort an, die Familien verbringen viel Zeit miteinander. Die anfängliche Sicherheit bröckelt allerdings stark und schnell. Nach und nach werden den jüdischen Menschen Privilegien entzogen, sie werden von der Gesellschaft abgeschirmt, immer stärker isoliert und als Feind gebrandmarkt.

Ein letztes, gemeinsames Fest

Eine entscheidende Begebenheit in “Meine Freundin Anne” von Hannah Pick-Goslar ist der 13. Geburtstag von Anne Frank. Schon massiv eingeschränkt, macht die kleine Festgesellschaft das Beste aus dem Tag, feiert verhältnismäßig ausgelassen. Niemand von ihnen weiß, dass es die letzte Zusammenkunft sein wird und bis auf Hannah niemand den Holocaust überleben wird. Im mittleren Teil gibt es zahlreiche Fotos und eine Elegie gibt Informationen darüber, welches Schicksal die jeweiligen Geburtstagsgäste erlitten.

Anne Frank und ihre Eltern sind urplötzlich verschwunden. Alle gehen davon aus, dass die Familie es in die neutrale Schweiz geschafft hat und somit dem Schrecken in letzter Minute entkommen ist. Wir alle wissen, dass es anders war und sich fast die komplette Familie Frank zwei Jahre in einem Hinterhaus unter widrigen Bedingungen versteckt hält. Hannahs Vater aber genießt einen unsicheren Schutzstatus, der immerhin dafür sorgt, dass die Familie noch lange geduldet wird und sich keinem der immer häufiger stattfindenden Transporte in vermeintliche Arbeitslager anschließen müssen.

Eine unvorstellbare Wirklichkeit

Doch irgendwann trifft es sie ebenfalls und die Familie landet, wenn auch als sogenannte Austauschjuden, in einem gesonderten Bereich von Bergen-Belsen. Die Wirklichkeit, die Hannah dort mit ihrer gerade mal zwei Jahre alten Schwester Gabi dort vorfindet, ist so furchtbar, dass man sie sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen mag. Hannah Pick-Goslar kann mit ihrer Wortwahl und ihrem Schreibstil nicht abfedern, wie menschenunwürdig das Leben im Lager für alle dort inhaftierten Menschen war.

Hannah tröstet sich öfter mit dem Gedanken daran, dass ihre kluge Freundin Anne wenigstens frei in der Schweiz leben kann. Irgendwann erfährt sie, dass Anne im abgeschirmten Teil von Bergen-Belsen sein soll, dort wo es noch grausamer zugeht, als in ihrem Bereich. Durch einen Zaun hat sie die Möglichkeit, mehrfach mit ihr zu sprechen, sehen kann sie Anne nicht. Nach zwei Jahren hat Hannah tatsächlich kaum noch Hoffnung, irgendwann im Austausch freizukommen. Stattdessen besteigt sie 1945 den “verlorenen Zug”, einen Zug, der 13 Tage durch Deutschland irrte und mit der Befreiung endete.

“Was ist ein Keks?”

Natürlich sind die beschriebenen Zustände schwer zu lesen und nicht leicht zu verkraften. Mindestens genauso schlimm wie die Erniedrigungen, der Hunger und die Gewalt an den Häftlingen, sind die emotionalen Nachwirkungen. Kurz vor Ende des Krieges bietet jemand ihrer Schwester Gabi einen Keks an. Die mittlerweile Vierjährige, die beinahe die Hälfte ihres Lebens im Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht hat, fragt: “Was ist ein Keks?”

Mahnendes Beispiel auf Kosten der Opfer

Hannah Pick-Goslar zeigt mit ihrem Buch “Meine Freundin Anne Frank”, wie wichtig es ist, diese Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten. Sie werden niemals ihren Schrecken verlieren und immer als mahnendes Beispiel dafür dienen, wozu Menschen fähig sein können. Am Ende des Buches berichtet uns Hannah Pick-Goslar noch von ihrem Ankommen in Palästina. Es ist ein stilles Ankommen, verbunden mit dem Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und möglichst schnell die verlorenen Jahre auszuholen. Umso mutiger, dass sie sich trotzdem immer wieder mit dem Holocaust konfrontiert, immer wieder diese furchtbaren Ereignisse aufwühlte, um uns vor einer ähnlichen Zukunft zu bewahren.

Seiten: 384
Verlag: Penguin Verlag 
ISBN-10: 332860300X
ISBN-13:  978-3328603009
VÖ: 18.10.2023

Artikel, die Dir gefallen könnten:
Bettina Göring – Der gute Onkel – mein verdammtes deutsches Erbe
Esther Safran Foer – Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
David Safier – Solange wir leben
Robert Seethaler – Das Café ohne Namen
Harald Stutte – Wir wünschten uns Flügel, Eine turbulente Jugend in der DDR – und ein Fluchtversuch
Sibylle Berg – Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen
Paul Bokowski – Schlesenburg 
Podcast Folge 59 mit Bärbel Schäfer über Einsamkeit
Rebecca Maria Salentin – Klub Drushba: Zu Fuß auf dem Weg der Freundschaft von Eisenach bis Budapest
Alina Bronsky – Der Zopf meiner Großmutter
Christoph Amend – Wie geht’s Dir Deutschland?
Sascha Lobo – Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart
Danny Kringiel – Wie Hitler das Skateboard erfand
Rutger Bregman – Im Grunde gut
Patrisse Khan-Cullors – #BlackLivesMatter
Anja Rützel – Schlafende Hunde: Berühmte Menschen und ihre Haustiere
David Schalko – Schwere Knochen
Johan Harstad – Max, Mischa und die Tet-Offensive
Sarah Kuttner – Kurt
Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet
Linus Giese – Ich bin Linus: Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war
Thomas Hettche – Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste
Wendy Mitchell – Der Mensch, der ich einst war
Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal
Anne Stern – Fräulein Gold: Schatten und Licht (Band 1)
Anne Stern- Fräulein Gold: Scheunenkinder (Band 2)
Kerstin Sgonina – Als das Leben wieder schön wurde
Sophie Passmann – Komplett Gänsehaut
Anne Stern – Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt (Band 3)
Martin Steinhagen – Rechter Terror: Der Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt 
Quentin Tarantino – Es war einmal in Hollywood
Anne Stern – Meine Freundin Lotte

Anne Frank Stiftung

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert